Ida und Richard Dehmel - Harry Graf Kessler. Briefwechsel 1898-1935

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original, Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K39 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.001-HGK.01-1898.01
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 12.05.1898

Sehr verehrter Herr Dehmel

Beifolgend erlaube ich mir Ihnen einen Beitrag von 50 M. für den Liliencron{p2}fonds zu schicken und bitte Sie, diesen gütigst übermachen zu wollen. Ich war im Winter, zur Zeit als die eigentliche Sammlung stattfand, in Paris{o1} und habe seitdem die Sache "verbummelt"; ich muß mich daher auf Ihre [2] freundliche Vermittlung verlassen, um noch in unauffälliger Weise zu dem Zweck beitragen zu können. Zugleich schicke ich Ihnen den Abdruck der Notizen{p1-w1}, die ich im vorigen Jahr auf einer Reise durch Mexico niederschrieb, und bitte Sie, dieses ungebetene Eindringen in Ihr Arbeitszimmer gütigst verzeihen zu wollen. Es ist auch weniger die Hoffnung, daß diese Seiten Ihnen Etwas für Sie [3] Wertvolles bieten könnten als der Wunsch, daß mein erstes Buch bei seinem Eintritt in die Welt auch Ihnen seine Aufwartung machen möge, der mich bestimmt, das Exemplar Ihnen zuzuschicken. Und vielleicht findet sich doch einmal eine müßige oder müde Stunde, in der das Blättern in diesem Buch Ihnen die Illusion einer kurzen Zerstreuung zu erwecken vermag.

Mit den besten Grüßen

Ihr ganz ergebenster

Grf Kessler.

d. 12 Mai 98.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Veröffentlicht: Richard Dehmel, Ausgewählte Briefe aus den Jahren 1883 bis 1902 (Berlin: S. Fischer Verlag, 1922), Nr. 208. | kind: Brief | sheets: | pages: | paper: | other:

G.002-RD.01-1898.02
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Pankow, 13.05.1898

Verehrter Herr Graf!

Ihr Buch [ Notizen über Mexico{p1-w1} ] ist ja ein Meisterwerk. In meiner Freude kann ich nicht umhin, Sie wegen Ihres überbescheidenen Briefes zu schelten; man weiß ja garnicht, wie man darauf erwidern soll. Ich lese schon von vornherein beschreibende Schriften lieber als das Meiste, was heut für Dichtkunst gelten möchte; und hier nun ist die schlichte Sachlichkeit mit solcher Künstlerschaft zu Worte gekommen, daß ich das Buch, nachdem ich nur die Vorrede hatte prüfen wollen, nicht aus der Hand legen konnte und eben meiner Frau [ Paula Dehmel{p26} ] in Einem Zuge die ersten 37 Seiten vorgelesen habe. Ich weiß nicht, was ich mehr bewundern soll: die stimmungsvolle Klarheit der Naturbeobachtung, die geistvolle Ruhe der Culturbetrachtung, die feinsinnige Eindringlichkeit ins Menschenleben – es ist Alles mit gleicher Anschaulichkeit und vor allem mit entzückender Einfachheit geschildert; grade wegen dieser Einfachheit geht mir das Buch fast über Taine{p4}'s "Pyrenäen{p4-w2}". Ich danke Ihnen schon im voraus für den Genuß noch weiter mit Ihnen durch das fremde Land und – "al Recreo de Fausto" – durch Ihre Seele reisen zu dürfen. Gegen diese hätte ich zwar zuweilen Einiges einzuwenden, besonders wenn sie gar zu feinsinnig in jeder Seltsamkeit gleich "Décadence" wittert, am Ende gar die eigene – aber darüber sprechen wir wol besser einmal mündlich.

In herzlicher Ergebenheit

R. Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.003-RD.02-1898.03
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Berlin, 14.05.1898

Lehrter Bahnhof.
14. Mai
1898

Auf Ihr Wohl!

Welche Freude haben Sie mir gemacht, lieber Graf! Ihr Baron Liliencron{p2}.

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.004-RD.03-1898.04
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Pankow, 23.05.1898

Verehrter Herr Graf!

Ich schickte Ihnen gestern eine Drucksache [ Unbekannt, Rezension "Notizen über Mexico"{p21-w3} ] mit der Bemerkung "i.A. von Liliencron{p2}". Nun fällt mir eben ein, daß Sie womöglich den Verdacht schöpfen könnten, Liliencron{p2} habe das Referat geschrieben. Das ist aber nicht der Fall, sondern er hat es mir blos zugeschickt.

Mit bestem Gruß

R. Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K40 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.005-HGK.02-1898.05
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 23.05.1898

Verehrter Herr Dehmel

Von einem kurzen Ausflug nach Dresden{o4} zurückkehrend finde ich zugleich den Zeitungsausschnitt [ Unbekannt, Rezension "Notizen über Mexico"{p21-w3} ] und Ihre freundliche Karte vor. Ich danke Ihnen für Beide herzlichst; es war überaus freundlich von Liliencron{p2}, an mich zu denken, [2] und von Ihnen, mir den Ausschnitt zu übermitteln. Vor dem Verdacht, daß der betreffende Artikel{p21-w3} von Liliencron{p2} selbst sein könnte, hätte mich, wenn nichts Andres, so schon die fast drollig wirkende Überschätzung meines Buches [ Notizen über Mexico{p1-w1} ] bewahrt. Ich fahre im Laufe der Woche auf 10 Tage nach [3] Paris{o1} und werde nach meiner Rückkehr von Ihrer gütigen Erlaubnis, Sie in Pankow{o3} aufsuchen zu dürfen, Gebrauch machen.

Mit herzlichem Gruß

Ihr

Kessler

d. 23 Mai 98.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.006-RD.04-1898.06
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Pankow, 22.06.1898

Parkstr. 25.

Verehrter Herr Graf!

Falls Sie schon zurücksind aus Paris{o1}, möchte ich Sie bitten, Ihren Pankow{o3}er Besuch so bald wie möglich auszuführen. Ich habe nämlich ein längeres Mscrpt [ Lucifer{p6-w5} ] , das sich für PAN ausnehmend eignen dürfte, das aber aus bestimmten Gründen spätestens Anfang Oktober im Druck erscheinen müßte, und da würde ich gern erst Ihre Meinung hören, bevor ich die Sache dem Redactionsausschuß anbiete.

Mit ergebenem Gruß

R. Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K41 | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.007-HGK.03-1898.07
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 22.06.1898

Sehr verehrter Herr Dehmel,

Wenn es Ihnen paßt, werde ich am Sonnabend zwischen 4 und 5 (ich kann wegen einer amtlichen Sitzung die Stunde nicht ganz genau bestimmen) zu Ihnen hinauskommen. Freue mich sehr sowohl auf Ihre Dichtung [ Lucifer{p6-w5} ] wie darauf, Ihr Heim kennen zu lernen.

Mit herzlichem Gruß

Ihr

Kessler

d. 22 /VI 98.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K42 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.008-HGK.04-1898.08
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 27.06.1898

d. 27 Juni 1898.

Sehr verehrter Herr Dehmel

Mit den allergrößten Interesse habe ich Ihren Lucifer{p6-w5} gelesen. Die danach zu bewerkstelligende Aufführung wird eine außerordentliche Wirkung hervorrufen. Vielleicht bin ich weniger als Sie von der Opportunität und selbst vom Kunstwert überzeugt, den das Zugrundelegen von philosophischen Gedanken bei einem Werke hat, das wie jedes Sichtbare in erster Linie durch das Auge die Seele erregen soll; mir scheint das Schopenhauer{p7}sche Gedankenschema das zu sein, was in Wagner{p8}s Musikdrama den geringsten Wert hat; ich lege aber diesem Bedenken auch im Lucifer{p6-w5} bei der Pracht und Intensität der Bilder, die Sie geschaffen sehen wollen, weniger Gewicht bei. [2] Dagegen weiß ich nicht, ob ich Ihnen zum Abdruck des ganzen Scenarios der vier Verwandlungen im Pan raten kann; das sich Vorstellen eines stets wechselnden bildlichen Vorgangs durch so viele Seiten hindurch stellt an die Arbeitskraft der Phantasie solche Anforderungen, daß nur ein verschwindend kleiner Teil der Panleser einer solchen Anstrengung gewachsen sein werden; ich erinnere Sie an die Wirkung des Maskenzuges im Grünen Heinrich{p9-w6} [ Gottfried Keller{p9} ] oder an die Empfindungen, die man bei der Schilderung einer unbekannten Gemäldegallerie hat; z.B. bei des Pausanias{p10} Beschreibung{p10-w7} der Lesche{p117-w57} des Polygnot{p117} und dem Aufsatz{p11-w8} Goethe{p11}s darüber. Der Kunstwert des geschilderten Werkes thut [3] Nichts zur Sache; der Durchschnittsleser kann nicht in solchem Umfang nachschaffen, und was er schafft ist in der That nicht vollendet genug, um ihn solange zu fesseln; sonst müßte er ja selber gottbegnadeter Künstler sein. Ich glaube also, daß ein Abdruck des ganzen Scenarios im Pan wirkungslos sein würde; und das würde ich, da es sich hier für Sie doch in erster Linie um einen praktischen Erfolg handelt, sowohl für Sie wie für die Idee, die Sie vertreten, bedauern. Wirksam würde dagegen meiner Ansicht folgendes sein: Sie setzen in einem etwa 3 bis 4 Pan Seiten langen Artikel Ihre Idee auseinander und deuten als Beispiel den Gang des von Ihnen geplanten Lucifer{p6-w5} Werkes kurz an, und im Anschluß daran drucken wir eine Verwandlung in extenso ab, etwa die zweite, Seite 10-25 des Manuskripts, die mir am anschaulichsten scheint. Sollten Sie geneigt sein, auf diesen oder einen ähnlichen Plan einzugehen, so bitte ich Sie, mich dieses möglichst bald wissen zu lassen, damit ich gleich den Platz (dann eventuell schon im 2ten Heft) reservieren kann. Im Übrigen sehe ich Sie doch Donnerstag um 2, und hoffentlich mit Herrn Schaefer{p12}.

Mit der Bitte, mich Ihrer Frau Gemahlin{p26} empfehlen zu wollen und herzlichsten Grüßen

Ihr

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.009-RD.05-1898.09
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Pankow, 28.06.1898

Verehrter Herr Graf!

Von Philosophie steckt weniger im Lucifer{p6-w5}, als der sinnende Leser vielleicht vermutet. Ihren anderen Einwänden kann ich mich selber nicht ganz verschließen, obgleich es mir für meine Zwecke ebenso bedenklich scheint, nur einen Teil abzudrucken. Ich werde mir die Sache bis Donnerstag überlegen. Punkt 2 Uhr bin ich mit Schäfer{p12} bei Ihnen.

Herzlich

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K43 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.010-HGK.05-1898.10
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 01.11.1898

Sehr verehrter Herr Dehmel

Würden Sie mir die große Freude machen, am Donnerstag um 1 Uhr mit Van de Velde{p13} bei mir zu frühstücken?

Mit bestem Gruß

Ihr ergebenster

Kessler

d. 1 XI. 98.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.011-RD.06-1898.11
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Pankow, 02.11.1898

Sehr gerne!

Mit ergebenem Gruß

Ihr

Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K44 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other: Auf dem ersten Blatt ist nochmals das Datum mit "11. XI. 98." vermerkt worden. Wahrscheinlich von Dehmel.

G.012-HGK.06-1898.12
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 11.11.1898

Lieber Herr Dehmel

Sie haben Stevenson{p14} überstevensoned; d.h. Ihre Übersetzung [ Lazarus{p6-w11} ] ist vielleicht noch echter deutschkindlich als die seine englischkindlich; ich habe mich, als ich sie las, vor Freude garnicht halten können; daher das Telegramm. Eine einzige Bemerkung habe ich zu machen; in der allerletzten Zeile scheint mir das englische "pleasant" suggestiver als das deutsche "wundervoll"; man denkt [2] bei pleasant an das Wollige, Kühle, Reine der Kissen und Laken; das deutsche wundervoll suggeriert dagegen Nichts Bestimmtes an dieser Stelle, weder ein Gefühl des Kindes noch irgend ein äußerliches Bild; eine kleine Retouche hier könnte Ihr Lied vielleicht noch heben. Und nun lasse ich Sie nicht eher los, bis Sie uns für den Pan noch mindestens 4 oder 5 solche Kinderlieder entweder übersetzt oder neu gedichtet haben; Sie werden von mir mit Anfragen bombardiert [3] werden, bis ich die Sache in Händen habe; also um Ihres lieben Friedens willen schreiben Sie, schreiben Sie.

Mit der Bitte, mich Ihrer Frau Gemahlin{p26} bestens empfehlen zu wollen

Ihr sehr erfreuter

Kessler

d. 11/XI 98.

[

In Kesslers Nachlaß findet sich der folgende Brief, den Kessler vor dem 3. November 1898 geschrieben, aber nicht abgeschickt hatte, da Dehmel zusammen mit Van de Velde{p13} am Donnerstag, den 3.11., zum Frühstück geladen war. Kessler konnte also das erwähnte Buch A Children's Garden of Verses{p14-w56} von Stevenson{p14} selbst überreichen. Der Brief lautet:

Nicht abgeschickt, da Dehmel selbst zu mir kam.

Sehr verehrter Herr Dehmel

Beifolgend erlaube ich mir Ihnen ein Buch [ A Children's Garden of Verses{p14-w56} ] von Robert Louis Stevenson{p14} zu schicken, das wohl das Vollendetste von Kinderpoesie enthält, was die englische Litteratur geleistet hat; – etwas auf gut Glück, da ich nicht weiß ob Sie englisch lesen. Aber wenn Sie uns einige von diesen Geschichten [2] auf deutsch schenken könnten so würde das, glaube ich, eine wesentliche Bereicherung unserer bisher noch so armen Kinderlitteratur sein, ich meine natürlich der Litteratur, die für unsere Kinder geschaffen ist, da aus dem täglichen Anschauungskreise das der Stadtkinder, der sich nun einmal nicht mehr den Wald und die Heide, das alte Märchenland, umfaßt, sondern eine städtische Etage und höchstens ein Stadtgarten und einen Stadtpark. Diese tägliche Umgebung [3] schon dem Kinde poetisch zu machen ist eines der wesentlichsten Erziehungsmittel zur Gegenwartsliebe, die ich mir denken kann, was das kleine Kind an Geheimnisvollem und Wunderbarem im Hausgerät und in den Hausgenossen selbst der Stadtwohnung empfindet das hat Stevenson{p14} dank seinem zarten Humor und der Virtuosität seines Stils in wunderbarer Weise auszudrücken verstanden; Vieles davon erinnert in der Echtheit des Tons so an Ihre Kinderlyrik, daß es sich Ihnen schon deshalb der Mühe lohnen sollte es zu lesen. Noch mehr als eine Übersetzung einzelner dieser Lieder sollte es mich aber freuen, wenn das Buch Sie anregte weitere eigene Kinderlieder, oder gar einen ganzen Band Kinderlyrik wie diese uns Deutschen zu schenken.

]

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K45 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 2 | paper: | other: Auf dem ersten Blatt ist nochmals das Datum mit "11. XI. 98." vermerkt worden. Wahrscheinlich von Dehmel.

G.013-HGK.07-1898.13
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 11.11.1898

Lieber Herr Dehmel

Soeben schreiben mir Keller{p15}  α  Reiner{p16}, Sie beabsichtigen in ihrem Lokal eine Vortragsreihe zu halten, und bitten mich um meine Ansicht. Würden Sie mir vielleicht mitteilen, was an der Sache dran ist, und in welchem Sinne Ihnen eine Antwort meinerseits an K{p15}  α  R.{p16} an [2] genehm wäre? Da ich  morgen  K{p15}  α  R{p16} zu sehen gedenke, bitte ich um eine möglichst umgehende Antwort.

Mit bestem Gruß

Ihr ergebenster

Kessler

d. 11/XI 98.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.014-RD.07-1898.14
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Pankow, 11.11.1898

11.11.98.

Verehrter Herr Graf!

Ich habe mit Keller{p15}  &  Reiner{p16} inderthat über eine solche Vortragsreihe gesprochen. Ich will damit nicht etwa irgendeine idealistische Propaganda treiben, sondern mir einfach eine kleine Einnahme verschaffen, die ich sehr nötig brauche. Ich will mich deshalb ganz ausschließlich an das Publicum des Tiergartenviertels{o2} wenden, und die Sache soll einen intim gesellschaftlichen Anstrich haben. Es werden nicht mehr als 100 Eintrittskarten ausgegeben, und die Karte soll für jeden einzelnen Abend 6 M, für alle 6 Abende 30 M kosten. Jedesmal wird erst ein kurzer Vortrag über einen oder einige Dichter gehalten (ein Bekannter von mir, Herr Moeller-Bruck{p17}, wird das ganz gut machen, glaube ich) – und dann lese ich von diesen Dichtern Etliches vor; wer Lust hat, kann nachher die beiden Vortragenden ästhetisch interpelliren. Ich glaube, daß einerseits genug ernsthafte Teilnahme an der neuen Dichtung, anderseits genug modische Neugier in den reichen [2] Kreisen Berlins{o2} vorhanden ist, um mindestens 60-70 Karten zu jedem der 6 Abende abzusetzen; das würde mir die Bemühung schon lohnen, trotzdem die Einnahme natürlich in 3 Teile geht (1/3 an K{p15}  &  R{p16}, 1/3 an Moeller-Bruck{p17}, 1/3 an mich). Wenn Ihnen die Speculation nicht unsinnig erscheint, würde ich Ihnen für ein paar gute Worte bei K.{p15}  &  R.{p16} natürlich dankbar sein.

Mit herzlich ergebenem Gruß

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K46 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other: Auf dem ersten Blatt ist nochmals das Datum mit "13. XI. 98." vermerkt worden. Wahrscheinlich von Dehmel.

G.015-HGK.08-1898.15
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 13.11.1898

Lieber Herr Dehmel

Ich habe mit Keller{p15} in Ihrem Sinne gesprochen und ihm geraten, die Sache auf eine rein geschäftliche Basis zu stellen; Alles Hereinziehen gesellschaftlicher Verpflichtungen schreckt nur ab; kein Mensch wird eine Dame der guten Gesellschaft je dazu bringen, um eines noch so interessanten Vortrages willen Bekanntschaften zu riskieren, die ihr vielleicht [2] (man kann ja im voraus nicht wissen, wer erscheinen wird; 6 M Entree kann schließlich jeder zahlen.) nachher nicht passen könnten. Entwickelt sich nachher aus den Abonnenten heraus ein gewisser gesellschaftlicher Zusammenhang, so ist das ganz Etwas Andres; von vornherein das zu erstreben, wäre aber der Tod eines solchen Unternehmens. – Nun Etwas Andres. Was sagen Sie dazu uns für den Pan ein halbes Dutzend eigener oder übersetzter Kinderlieder zu schicken, die [3] ich dann Hofmann{p18} oder Jemand Andres zu Kinderbilderbuchmäßigen Illustrationen gebe für den Pan? Es müßte mit Illustrationen etwa 4 Seiten Pan werden; gelingt die Probe, so können Sie dann den betreffenden Künstler vielleicht weiter benutzen für ein ganzes Buch. Natürlich sehe ich darauf, daß die Illustration gleich im Pan für Kinder und nicht für Erwachsene gemacht wird. Je eher ich die Lieder bekomme, um so lieber ist es mir natürlich, da der Künstler wahrscheinlich zu seinen Illustrationen langegebraucht.

Mit herzlichem Gruß

Ihr ergebenster

Kessler

d. 13. XI 98.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other: Auf der Rückseite folgende Vermerke: "Adressat Linkstr. nicht bekannt."; "Dem Briefträger nicht bekannt. Polizeirat Matthiar 21/11/98" Polizeilich nicht gemeldet. Köthe, Bote, P.d.P."

G.016-RD.08-1898.16
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Pankow, 21.11.1898

ja!

Dehmel

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K47 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other: Auf dem ersten Blatt ist nochmals das Datum mit "7. XII. 98." vermerkt worden. Wahrscheinlich von Dehmel.

G.017-HGK.09-1898.17
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 07.12.1898

Lieber Herr Dehmel

Die Beardsleys{p19} und der Hart{p20}, für den noch einmal meinen verbindlichsten Dank. – Ich sehe heute ein Gedicht von Ihnen (?) im Simplicissimus, angeblich aus zwei Menschen{p6-w10} [Der Dritte{p6-w73}] . Da ich es mir in das, was Sie mir von ihrem Romanzyklus erzählt haben, absolut nicht hineindenken kann und auch aus anderem Grunde zweifelhaft bin, bitte ich Sie, mich aus der Pein des Zweifels zu [2] erlösen und mir dieses wahrscheinlich sehr törichte Interview großmütig zu verzeihen.

Mit sehr herzlichem Gruß

Ihr

Kessler

d. 7. XII. 98.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.018-RD.09-1898.18
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Pankow, 07.12.1898

7.12.98.

Lieber Herr Graf!

Die Verse im SIMPL. [Der Dritte{p6-w73}] sind inderthat von mir. Leider haben die neuerlichen Geschichtsklitterungen im deutschen und bairischen Vaterland sie in ein Licht gerückt, das mir recht wenig erwünscht ist, und obendrein hat mir der Druckfehlerteufel wieder mal einen Streich gespielt, der das Ganze fast unverständlich macht. In den Worten der Frau muß hinter "Hoheit" das Komma fehlen; also "Hoheit" ist an dieser Stelle nicht [2] Anrede, sondern bildet mit "mein Gatte" zusammen das Subjekt des Satzes. Uebrigens empfangen die einzelnen Stücke des Romans [ Zwei Menschen{p6-w10} ] ihren eigentlichen Inhalt, an Sinn wie Seele, natürlich erst aus der ganzen Kette der Romanzen. Jetzt habe ich aber lange genug "ernst" geredet. Denn meine Fürstin ISI{p3} sitzt neben mir und läßt Sie grüßen!

Ihr D.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K48; Entwurf: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 2 | paper: | other:

G.019-HGK.10-1898.19
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 08.12.1898

d. 8 Dezember 1898.

Lieber Herr Dehmel

Vielen Dank für Ihre freundlichen Zeilen, mit denen Ihre Zeit beansprucht zu haben, ich mir jetzt vorwerfe. Aber gewisse, mögliche Beziehungen auf "geschichtliche" Ereignisse der letzten Zeit, sowie Einiges in der Wortstellung, das bei näherer Betrachtung (philologisch!) Ihrem sonstigen Sprachgebrauch nicht zu entsprechen schien, legten mir den Gedanken an eine Mystifika [2] tion nah. – Für den freundlich übermittelten Gruß sage ich meinen verbindlichsten Dank.

Ihr

Kessler.

[

Der Brief bezieht sich auf den Abdruck des Gedichtes "Der Dritte{p6-w73}" im Simplicissimus.

]

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K49 | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other: Laut Stempel in Pankow an am 19.12.1898

G.020-HGK.11-1898.20
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 18.12.1898

18 XII 98.

Lieber Herr Dehmel,

Die handschriftliche Verbreitung Ihres Lazarusgedichtes{p6-w11} nimmt bereits einen solchen Umfang, namentlich in der sog. "Hofgesellschaft" an, daß ich, der ich wie der Hexenmeistergeselle{p11-w59} in Goethe{p11} diesem von mir angerichteten Unglück machtlos gegenüberstehe, doch glaube, Sie mit den andren Kindergedichten zur Eile antreiben zu müssen, falls Sie nicht die gänzliche Deflorierung des noch ungedruckten Lazarus{p6-w11} erleben wollen. Im Übrigen macht der phänomenale (wie die Zeitung so hübsch weiß, "sensationelle") Erfolg auch mir große Freude. Besten Gruß

Ihr

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K50 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.021-HGK.12-1899.01
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 27.01.1899

Lieber Herr Dehmel

Da ich Kreidolf{p22} einige von Ihren Kindergedichen zur Probezeichnung schicken möchte, bitte ich Sie, mir gütigst einige zukommen zu lassen.

Mit bestem Gruß

Ihr ergebenster

Kessler

d. 27. I. 99.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.022-RD.10-1899.02
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Pankow, 28.01.1899

28.1.99.

Lieber Herr Graf!

Hier das Gewünschte. Ueber dem Schaunkelgedicht{p6-w13} glaubte ich mir die Bemerkung "nach Stevenson{p14}" ersparen zu dürfen, weil ich mich selbst schon seit langem mit diesem Motiv getragen hatte und aus dem Stevenson{p14}'schen Gedicht [ The Swing{p14-w14} ] eigentlich nur den Anstoß zur Niederschrift empfangen habe. Auf Wiedersehn Mittwoch Abend! Dann natürlich mehr.

Ihr D.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K51 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.023-HGK.13-1899.03
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 31.01.1899

31. I 99

Lieber Herr Dehmel

Die Gedichte [ Fitzebutze{p54-w28} ] sind an Kreidolf{p22} abgegangen; sie sind prächtig. Von der Stevenson{p14}schen Schminke ist so gut wie Nichts übrig geblieben; Sie könnten das Gedicht [ Die Schaukel{p6-w13} ] kaum als Übertragung nach S.{p14} bezeichnen, und der Haupttreffer darin "die Bäume verbeugen sich alle" gehört Ihnen ganz allein.

Mit der Bitte, mich Ihrer [2] Frau Gemahlin{p26} zu empfehlen und ihr mein Kompliment zur Mitarbeit zu machen

Ihr

Kessler.

Ihre Vorträge haben doch weit mehr Interesse erregt, als Sie vielleicht glauben; neulich haben mir der Prinz Max von Baden{p23} und der Ober Zeremonienmeister und Sekretär der Kaiserin, Herr v. Knesebeck{p24}, ohne daß  ich davon angefangen hätte, gesagt, Sie würden zum mindesten zu Ihrem Gedicht Abend hingehen. Auch von andrer Seite höre [3] ich viel davon sprechen; also Ihren einen Zweck, Interesse für die moderne Lyrik zu erregen, haben Sie ganz erreicht; das größte Hindernis ist, daß jetzt gerade die Gesellschaftssaison ist, im Oktober-November würden Sie jetzt, wie ich glaube, auch einen großen thatsächlichen Zulauf haben.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.024-RD.11-1899.04
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Pankow, 10.03.1899

10.3.99.

Lieber Herr Graf!

Eben schreibt mir Kreidolf{p22}, daß er Ihnen mit gleicher Post eine Zeichnung{p22-w15} zu meinem Schaukellied{p6-w13} schicke. Da ich übermorgen (Sonntag) in Berlin{o2} zu thun habe, möchte ich Sie fragen, ob es Ihnen recht ist, daß ich dann zwischen 3 u. 4 h Nachm. auf ein Stündchen zu Ihnen komme. Und [2] zwar, da meine Frau [ Paula Dehmel{p26} ] und meine Freundin [ Ida Dehmel{p3} ] mit mir in Berlin{o2} sind, in deren Begleitung. Ich setze aber voraus, daß Sie Sich wegen der Damen nicht die geringsten Umstände machen werden, und vor allem daß Sie mir einfach abwinken werden, wenn es Ihnen irgendwie nicht passen sollte. Dann bitte ich um Nachricht, an welchem der folgenden Tage ich Sie Nachmittags oder zum Frühstück besuchen kann.

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.025-RD.12-1899.05
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Pankow, 13.03.1899

Also morgen Nachmittag (Dienstag) s'il vous plait.

R. Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other: Laut Stempel erst am 20. angekommen.

G.026-RD.13-1899.06
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Pankow, 19.03.1899

Sonntag, 19.3.

Lieber Herr Graf,

die Kreidolfsche{p22} Zeichnung{p22-w15} ist noch nicht bei mir eingetroffen. Ich schreibe Ihnen das nur, weil ich besorgt bin, ob die Post nicht wieder schuld daran ist.

Ihr D.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K52 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other: Auf dem ersten Blatt ist nochmals das Datum mit "19.3.99" vermerkt worden. Wahrscheinlich von Dehmel.

G.027-HGK.14-1899.07
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 19.03.1899

Lieber Herr Dehmel

Ihre beiden Werke{p6-w68} sind in Bewegung gesetzt; Sie erhalten im Laufe der Woche Nachricht, die wohl sicher zustimmend ausfällt. – Nach dem Abenteurer{p27-w16} sind Sie hoffentlich in anderer Stimmung gewesen als nach der Sobeide{p27-w17}; auf mich wenigstens war der Eindruck diesmal stark und durchaus erfreulich. Dieses göttliche Venedig{o6} des 18ten Jahrhunderts, das aus [2] Goldoni{p28} und Guardi{p29} noch zu uns herüberlacht, war einen Moment für mich lebendig; so keck und "Zeit"-los den letzten, sublimiertesten Reichtum der Renaissance an Thaten-Verwegenheit, Gedanken Wagemut und künstlerischem Können vergeudend, für sich und für den Moment wirklich verbrauchend, wie ein junger Erbe alten Besitzes. Wie dumpf und schwer hängt sich im Vergleich dazu die Absicht selbst an Voltaires{p30} Person! – Und dabei fällt mir ein, daß auch dieser Brief Etwas vom Venezianischen{o6} Settecento hat, [3] da er Sie bei Ihren Pankower{o3} Postverhältnissen wohl nicht erreichen wird und daher auch "rein von Zweck" geschrieben ist. Also auf gut Glück.

Mit herzlichem Gruß

Ihr

Kessler.

d. 19. III. 99.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: ? | orig: Veröffentlicht: Richard Dehmel, Ausgewählte Briefe aus den Jahren 1883 bis 1902 (Berlin: S. Fischer Verlag, 1922), Nr. 222. | kind: Brief | sheets: | pages: | paper: | other:

G.028-RD.14-1899.08
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Pankow, 20.03.1899

Lieber Herr Graf!

Zu Hofmannsthal{p27}'s "Abenteurer{p27-w16}" habe ich auch mit lauten Händen Beifall geklatscht. Freilich nichts weiter. Irgend ein stiller Nachklang in der Tiefe ist mir nicht davon verblieben. Die Aufführung war übrigens zu possenhaft; ich kann mir denken, daß die Lektüre lebendiger auf mich wirken würde.

Mit allen Grüßen

Ihr D.

Merkwürdig übrigens: ich habe aus diesen beiden Stücken [ Der Abenteurer und die Sängerin{p27-w16}, Die Hochzeit der Sobeide{p27-w17} ] , und nun rückblickend auch aus "Madame Dianova{p27-w18}", den Eindruck bekommen, daß  H.{p27} zwar ein famoser Theatertechniker sein kann, aber kein dramatischer Poet aus eigenen Mitteln.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Veröffentlicht: Richard Dehmel, Ausgewählte Briefe aus den Jahren 1883 bis 1902 (Berlin: S. Fischer Verlag, 1922), Nr. 223. | kind: Brief | sheets: | pages: | paper: | other:

G.029-RD.15-1899.09
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Pankow, 24.03.1899

Lieber Herr Graf!

– – – Für alle Fälle bestelle ich Ihnen auch gleich einen herzlichen Gruß an Hofmannsthal{p27}; es thut mir leid, daß er nun grade herkommt, wenn ich wegbin. Bitte, sagen Sie ihm ganz ruhig meine Meinung über seine letzten Dichtungen! [ Der Abenteurer und die Sängerin{p27-w16}, Die Hochzeit der Sobeide{p27-w17}, Die Frau im Schatten{p27-w18} ] Wenn ihm an meinem Rat etwas liegt, möge er sich hüten, die Dichtkunst zu sehr als Spiel zu betreiben. Zwar rein als Künstler kann man nie genug zu spielen scheinen und mag man sich an diesem Schein genügen lassen. Aber der Dichter hat im Wort – noch aus der Zeit der Propheten her – Machtmittel über die Kunst hinaus. Das fühlen selbst bornirte Talente, denn nur Poeten drapiren sich als "Priester" der Kunst; die Priester waren ja von je die Affen der Propheten. Nun, die Zeit der Propheten ist freilich vorüber; aber Gesetzgeber kann der Dichter auch heute noch sein, und wenn er drauf ausgeht, auch Heerführer. Er sage sich nur: ein Mann, ein Wort! Dazu ist jede Zeit ernst genug.

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K53 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.030-HGK.15-1899.10
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 04.05.1899

d. 4. V 99.

Lieber Herr Dehmel

Vielen Dank für das Thoma{p69}gedicht, das in "Zirkulation" gesetzt ist und wohl ohne Zweifel im Pan das Tageslicht erblicken wird. Das Kreidolfsche{p22} Buch{p22-w20} habe ich überall gesucht, ohne es zu finden, und dann ist mir eingefallen, daß Ihre Freundin [ Ida Dehmel{p3} ] , soweit ich [2] mich entsinnen kann, es als Sie bei mir waren, mitgenommen hat. Sollte ich mich hierin täuschen? Dann muß ich meine Wohnung ausräumen lassen, um zu entdecken, wo es sich hingeschlichen haben mag. Ich hätte direkt an Ihre Freundin [ Ida Dehmel{p3} ] geschrieben, wenn ich ihre Adresse wüßte. Hoffentlich zeigt Ihnen Ihr Nordsee Odysseus{p2} das Meer in einem recht homerischen{p42} Licht.

Mit herzlichem Gruß

Ihr

Kessler

morgen verreise ich auf einige Zeit.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other: Angekommen am 08.05.1899

G.031-RD.16-1899.11
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Meldorf, 07.05.1899

Bis 15. Mai: Meldorf{o8}er Hafen (Holstein) bei Kapitän Schnoor{p31}.

Lieber Herr Graf!

Nein: meine Freundin [ Ida Dehmel{p3} ] hat den Kreidolf{p22} nicht mitgenommen. Vielmehr hat sie mir erst den Wunsch des Dr. Beringer{p32} übermittelt, das Buch{p22-w20} zurückzuhaben. Wenn ich mich recht erinnere, sagten Sie mir seinerzeit, Sie hätten es an Flaischlen{p33} oder einen andren Herrn des Redactionscomités [ PAN ] zur Prüfung gegeben. Ich werde mal gleich an Fl.{p33} schreiben; vielleicht haben Sie die Güte, auch noch eine Postkarte an ihn loszulassen.

Mit allen Grüßen

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Visitenkarte plus ein Blatt | sheets: 3 | pages: 2 | paper: | other: Das Jahr "1899" wurde mit Bleistift auf die Karte notiert. Verfasser nicht ermittelt.

G.032-RD.17-1899.12
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Rantum, 27.05.[1899]

Rantum{o9} auf Sylt, 27. Mai.

Es ist so herrlich einsam hier, daß ich erst Mitte Juni weiterreise.
[2]

Verehrter Herr Graf!

Ich kann es nicht lassen, Ihnen die beiliegende Ergänzung der "Lebensmesse"{p6-w22} mitzuteilen; jetzt ist sie erst völlig das Leben umfassend. Einzufügen sind diese Verse hinter der Szene zwischen den Sonderlingen und der Waise, also unmittelbar vor dem Kinderchor.

Mit allen Grüßen

Ihr D.
[3]

Der Held{p6-w21}:

Wenn ich Euch in Eintracht sehe,
wird mir plötzlich kalt und heiß;
durch mein Herz hin brandet ein Wehe,
das sich nicht zu lassen weiß.
Bringt mir jene Jungfrau vom Wege,
der das Land zu eng war hier!
schwillt mir Deren Herz entgegen,
will ich sie an Mein Herz legen,
und ich schlacht' ihr meinen Stier!
Und wir steigen zu Schiff und lenken
uns durch Wetter und Wasser und Wind;
und sie soll mir Kinder schenken,
die dem Schicksal gewachsen sind.

R. D.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K54 | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.033-HGK.16-1899.13
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Florenz, 28.06.1899

Florenz d. 28. VI 99.

Vielen Dank für das herrliche Fragment [Der Held{p6-w21}] , das mir nach verschiedenen Irrfahrten erst zugegangen ist; es drückt in der That einen tiefmenschlichen Moment im Heldenleben aus. Ich wünsche Ihnen noch recht viele solche Funde am Strande des "unfruchtbaren Meeres", das dann für Sie wenigstens dieses Epitheton nicht verdient hat.

Herzlichen Gruß

Ihr

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K55 | kind: Brief | sheets: 4 | pages: 6 | paper: | other:

G.034-HGK.17-1899.14
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Bayreuth, 29.07.1899

Lieber Herr Dehmel

Seit zwei Tagen summen mir nun die Stimmungsmotive Ihrer Dichtung wie Melodieen im Kopfe herum; die rezeptive Anstrengung bei der Vorlesung und die Fülle der empfangenen Bilder waren wohl zu groß, um ein unmittelbares Eintreten der Wirkung zu erlauben; erst [2] allmählich hat sich seitdem das Meiste aus dem "Unterbewußtsein" oder wie man es nennen will, in mir entrollt, und immer vom selben bildlichen Stimmungszauber begleitet; das ist der Vorteil Ihrer Situationslyrik, oder wie Goethe{p20} es genannt hätte, Gelegenheitsdichtung. Diese große sinnliche Anschaulichkeit, die freilich das Auge zunächst so stark mit [3] dem Äußeren beschäftigt, daß es erst allmählich und sozusagen nachträglich in die Gefühlstiefen eindringt. Sie setzt voraus, daß die Innenwelt von der Außenwelt abhängt (eben von der "Stimmung", der "Situation"), und nicht umgekehrt die Innenwelt die Außenwelt sich nach sich umdeutet und schafft. Ohne Ihr Werk irgendwie sonst mit denen Hauptmanns{p34} vergleichen zu wollen (was schon an Ihrem sehr starken geistigen, und metaphysischen – im guten Sinne metaphysischen – Gehalt scheitern würde), gehen Sie doch in dieser Beziehung von derselben Voraussetzung wie Hauptmann{p34} aus. Wir haben ja schon einmal über die Berechtigung dieser Voraussetzung gestritten, wobei Sie, wie ich mich entsinne, gegen Hauptmann{p34} sprachen. Sie werden mir wohl auch jetzt kaum in der Auffassung Ihres Werkes folgen, und ich bin mir auch ganz klar darüber, daß die Gegenströmung, die von innen nach [4] außen schaffen will, in Ihnen so stark ist, daß es nur eines Körnchens mehr auf der jetzt leichteren Waage bedürfte, um einen Umschlag hervorzubringen. Die Form Ihrer Dichtung stempelt Sie aber doch, so wie sie ist, zu Etwas im Holz{p35}-Hauptmann{p34}schen Sinne durchaus "modernem". Im Grunde genommen weiß ich allerdings nicht, warum ich Ihnen das Alles [5] schreibe; denn diese kritisch einordnende und analysierende Thätigkeit ist eigentlich Etwas höchst Überflüssiges und Unnützes. Und doch möchte ich Ihnen noch eine Bemerkung mitteilen, die ich gemacht zu haben glaube; daß Sie nämlich in der neuen Dichtung das Physische der Liebe mit derselben Intensität wie in Ihrer früheren Lyrik aber mit weit weniger "physischen" Worten, wenn man sich so ausdrücken kann, suggeriert haben; [6] und das scheint mir in der That ein Fortschritt; denn der homo amans deutet sich in der Wirklichkeit das Physische seiner Brunst zum größten Teil um, versteckt es hinter einer Märchenpracht von goldenen "Gefühlen", so daß dieses Physische, so sehr es in der Wahrheit Hauptsache und "Substanz" seines Liebeslebens ist, seinem Bewußtsein doch immer nur als eine Art von riesigem und schwülem Gewitter Hintergrund seiner Liebe erscheint, von dem er instinktiv den Blick fortwendet. Die das Physische unterdrückende Liebespoesie ist also unwahr; die das Physische zu sehr in den Mittelpunkt des Bewußtseins rückende scheint mir aber unwirklich, d.h. sie erzeugt im Leser einen Komplex von Vorstellungen und Gefühlen, die er so als Liebender nie haben würde; vielleicht kann ich sagen, diese Art von Liebespoesie scheint mir zu sehr reflektiert und nur post festum möglich. Zu Ihrem Glück geht mein Papier zu Ende. Ich grüße Sie und die Frau Isi{p3} also nun und erinnere [1] Sie an Ihr Versprechen, mir Ihre Dichtung [Zwei Menschen{p6-w10}] auch einmal in Abschrift lesen zu lassen; was Ihnen allerdings nach dem Worteschwall, den ihr blosses Hören veranlaßt hat, bedenklich erscheinen mag.

Ihr

Kessler

Bayreuth{o11}. 29. VII. 99.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler; Veröffentlicht: Richard Dehmel, Ausgewählte Briefe aus den Jahren 1883 bis 1902 (Berlin: S. Fischer Verlag, 1922), Nr. 264. | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 4 | paper: | other: Dehmel markiert den Beginn des zweiten Blattes mit "II." – Der Abdruck in der Briefausgabe von 1922 ist unvollständig.

G.035-RD.18-1899.15
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - München, 01.08.1899

München{o13}, 1.8.99.

Lieber Herr Graf!

Nach Ihrem langen Brief muß ich Ihnen vor allem sagen, daß unsre Begegnung in Nürnberg{o12} mir nicht wie ein Zufall vorgekommen ist, sondern wie ein Omen, das mit in die Rubrik "Weltglück" gehört, – mir und meiner Frau Isi{p3}, aus einem ahnungsvollen Grunde, den ich Ihnen einmal mündlich mitteilen werde. Ihr Brief hat diese Freude natürlich neu geweckt, besonders wie Sie in Bayreuth{o11} und in Gesellschaft Ihrer Schwester [ Wilma de Brion{p36} ] noch Zeit und Lust dazu gefunden haben. Ich will nun versuchen zu Ihrer Auffassung der "Zwei Menschen{p6-w10}" Stellung zu nehmen, soweit man mit der [2] philosophischen Spaltung der Begriffe den Inbegriff einer Dichtung überhaupt andeuten kann. Sie haben mit der Anrührung des Gegensatzes "Innenwelt und Außenwelt" inderthat den Punkt bezeichnet, wo meine Weltanschauung während der letzten Jahre eine Wandlung erfahren hat. Nur möchte ich bezweifeln, daß ich mich dadurch Holz{p35} und Hauptmann{p34} genähert habe. Diese Beiden fassen die Einzelseele als abhängig von der sinnfälligen Außenwelt auf, während ich grade der Meinung bin, daß  diese "Welt" durchaus der Seele unterthan ist, vielfach sogar dem bewußten Willen. Ich stelle die Innenwelt (in der Bedeutung Allseele) garnicht erst in Gegensatz zur körperlichen Außenwelt, denn sie sind gegensätzlich nur dem Anschein nach, für unseren Verstand; in Wirklichkeit bilden sie die eine, unteilbare Welt. Als einen wahrhaftigen [3] Gegensatz aber, d.h. als unabweisbaren Gefühlszwiespalt, nehmen wir immerfort unsre "persönliche" Innenwelt im Unterschied von dem Wesen der andern, ganzen Welt wahr, und diese "Außenwelt" ist es, von der mir die Einzelseele abhängig scheint.

Da Sie die Worte "physisch" und "metaphysisch" gebraucht haben, möchte ich meinen Standpunkt gegenüber Holz{p35} u. Hauptmann{p34} folgendermaßen formuliren: diese Beiden stellen den metaphysischen Zustand des Individuums als Ergebnis des physischen Universums dar, ich identifizire das physische u. metaphysische Universum und sehe auch im Individium diese Identität erfüllt, soweit es nicht sich selbst (durch sein Bewußtsein) als Bruchstück dem Ganzen entgegensetzt. Im Grunde also stellt meine Dichtung die Fähigkeit des einzelnen Geschöpfes dar, ganz in der Schöpfung [4] aufzugehen, Kraft des Gefühls, das alle geschaffenen Dinge belebt. Die "Liebe", in welcher Beziehung auch immer, ist mir nur ein besonderer Fall dieses Weltglücks, d.h. des ewigen Gleichgewichtes zwischen allen Kräften und Stoffen, denn unter Umständen kann zwischen zwei Geschöpfen das Unbewußte so einheitstrieblich sein, daß sie einander auch im Bewußtsein zum Sinnbild des ganzen Weltzusammenhanges werden. Dann nehmen sie sich bei der Hand und hören auf zu philosophiren – und grüßen herzlich jede Menschenseele die damit einverstanden ist!

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler; Abschrift: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: D2533 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 4 | paper: | other:

G.036-RD.19-1899.16
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - München, 18.08.1899

München{o13}, Heßstr. 46, pt. l.

18. VIII. 99.

Verehrter Herr Graf!

Sie sagten mir in Nürnberg{o12}, daß Sie Beziehungen zu Siegfried Wagner{p37} haben. Nun ist mir eingefallen, daß ich zur Durchführung dessen, was ich mit meinem "Lucifer{p6-w5}" will, keine bessere Stätte finden kann als Bayreuth{o11}. Ich darf mir also wol die Frage erlau [2] ben, ob Ihre Beziehungen nah genug sind, daß Sie mir die Schwierigkeit, mich mit Herrn Wagner{p37} in Verbindung zu setzen, erleichtern können. Für den Bejahungsfall lege ich, der Zeitersparnis halber, gleich einen Brief an den Genannten nebst Lucifer{p6-w5}-Text bei, in der Hoffnung, daß Ihnen die Abfassung des Begleitschreibens keine unangenehme Bemühung sein wird. Auch glaubte ich mir für diesen Fall die [3] Benutzung Ihrer Adresse zur sichersten Entgegennahme von Herrn Wagners{p37} Antwort erlauben zu dürfen; ich weiß nämlich nicht, wie lange ich noch in München{o13} bleiben werde. Selbstverständlich erhalten Sie sofort Nachricht, sobald ich meinen Aufenthalt wechsle. – Sollten Sie nicht in der Lage sein, die Vermittelung übernehmen zu können, so schicken Sie mir [4] die Anlagen wol gütigst so rasch wie möglich zurück und fügen vielleicht noch einen guten Ratschlag bei, auf welchem Wege ich meinen Zweck am wirksamsten erreichen kann. Daß Lucifer und Venus es Ihnen ewiglich danken werden, brauchen wir wol nicht erst zu beschwören.

In herzlicher Ergebenheit

Ihr Dehmel.

NB! Haben Sie meine Antwort auf Ihren Bayreuth{o11}er Brief (über die Zwei Menschen{p6-w10}) erhalten?

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K56 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.037-HGK.18-1899.17
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - [Bad Hall], 22.08.1899

Lieber Herr Dehmel

Ihr Brief und das damit verbunde Paket sind erst heute von Berlin{o2} aus in meine Hände gelangt, da ich mich zur Kur hier in Oberösterreich aufhalte; und ich muß Ihnen leider erwidern, daß ich recht wenig für Sie thun kann. Ich kenne Wagners{p38} wie man sich in der "Gesellschaft" kennt; ich glaube aber, daß sie auf mein künstlerisches Urteil und meine künstlerische Empfehlung nicht das geringste [2] Gewicht legen, oder, wenn ich die Meinung des Hauses Wahnfried bedenke, so bin ich dessen sogar sicher. Ich kann natürlich Ihr Buch [ Lucifer{p6-w5} ] und Ihren Brief übermitteln; damit wäre aber Nichts erreicht, was Sie nicht ohne diese Vermittlung genau ebensogut erreichen könnten. Zu Ihrem Projekt und Ihrem Vorschlag im Allgemeinen muß ich Ihnen sagen, daß nach meiner Kenntnis der künstlerischen Stimmungen und Bestrebungen in Wahnfried die [3] Aussicht, daß auf Ihren Plan eingegangen würde, äußerst gering ist. Selbst die Kompositionen von Siegfried Wagner{p37} werden kaum in absehbarer Zeit auf der Bayreuther{011} Bühne, die wie ein Heiligtum gehütet wird und schon mit einer dichten Mauer von Traditionen umgeben ist, Aufführungen erleben. Man begnügt sich mit dem, was einmal dort geleistet ist, und bestrebt sich dieses zu erhalten; Bayreuth{o11} ist längst konservativ geworden, in jeder Beziehung, künstlerisch und "gesellschaftlich". Im Grunde genommen kann ich dieses nicht einmal bedauern, da Siegfried{p37}, dessen Kompositionen zuerst drankommen würden, ein Talent aber sicher kein Genie ist, und die Zusammenkoppelung eines Riesen mit einem Zwerge doch Etwas Komisches hat. Ich füge daher ihr Buch [ Lucifer{p6-w5} ] und Ihren Brief an Siegfried{p37} bei; bemerke aber, daß ich natürlich gern bereit bin Beides zu übersenden, wenn Sie trotz meiner Bedenken Wert darauf legten, daß gerade ich die Vermittlung übernehme. In diesem Falle bitte ich mir Alles nach Bad Hall{o15}, Oberösterreich, Hotel Kaiserin Elisabeth zurückzuschicken. Ich werde übrigens bis Ende Oktober wahrscheinlich von Berlin{o2} fortbleiben; wo ich sein werde, weiß ich nicht; hier bin ich bis Anfang September; dann erreichen mich Briefe über Berlin, mit einiger Verspätung allerdings. Mit [1] der Bitte, mich der Frau Isi{p3} bestens empfehlen zu wollen

Ihr

Kessler

Für Ihren ersten Brief danke ich schönstens; ich muß mich darüber mit Ihnen einmal aussprechen, oder vielleicht kann ich, wenn ich Ihre Zwei Menschen{p6-w10} erst vor mir habe auch darüber schreiben.

d. 22 August 99.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Abschrift: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: D2534 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.038-RD.20-1899.18
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - München, 25.08.1899

An den Grafen Keßler.

München{o13}, 25.8.99.

Lieber Herr Graf!

Unter diesen Umständen wird es wol inderthat das Beste sein, wenn ich mir ohne Umwege einen "Korb" aus Haus Wahnfried [ Siegfried Wagner{p37} ] hole. Daß dieser Erfolg der wahrscheinlichste ist, hatte ich mir schon selbst gesagt; so vernagelt, wie Sie die hehre Pforte schildern, hatte ich sie mir freilich nicht vorgestellt. Ich halte es trotzdem für meine Pflicht, mal anzuklopfen; was thut man nicht alles für seine Kinder! Der alte  Wagner{p8} wird wol mitunter dieselbe via dolorosa gegangen sein. Man lernt da übrigens gewisse proletarische Gemütszustände begreifen.

Haben Sie herzlichen Dank für Ihren Wunsch, sich mit mir auszusprechen! Ich philosophire schriftlich nicht gern; die Worte zerfliessen mir unter den Fingern, vor all der begrifflichen Dehnbarkeit. Auf Wiedersehen Ende des Jahres in Berlin{o2}!

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler; Veröffentlicht: Richard Dehmel, Ausgewählte Briefe aus den Jahren 1883 bis 1902 (Berlin: S. Fischer Verlag, 1922), Nr. 266. | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 4 | paper: | other: Der Abdruck in der Briefausgabe von 1922 ist unvollständig.

G.039-RD.21-1899.19
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - München, 09.09.1899

München{o13}, 9.9.99.

Lieber Herr Graf!

Peter Behrens{p39} hat von Mitte bis Ende September eine große Ausstellung bei Keller{p15}  &  Reiner{p16}, die ihn als Maler, Zeichner, Plastiker und Kunsthandwerker umfassendsten Maßes zeigt, und reist dazu am 15. d. M. nach Berlin{o2}. Es wird Ihnen gewiß selbst [2] leidthun, daß Sie dann noch verreist sind; für Behrens{p39} war es fast eine Enttäuschung, weil er weiß, was Ihr Einfluß in den Kreisen, auf die es ihm ankommt, bedeutet. Es widerstrebte ihm, sich brieflich an Sie zu wenden, weil Sie das als Aufdringlichkeit auffassen könnten; Da ich Sie besser kenne, habe ich ihm einfach gesagt, dann würde ich es thun. Ich habe durch den Einblick in [3] sein Gesamtwerk und auch durch sein persönliches Wesen einen solchen Eindruck bekommen, daß ich nichts unterlassen möchte, was seiner Kunst – nicht blos um ihretwillen, sondern aus ganz allgemeinen Gründen – die weiteste und gründlichste Beachtung verschaffen könnte. Ich bin überzeugt, daß er in Deutschland die "Kunst fürs Leben" ganz ähnlich stark und seelisch sogar tiefer befruchten wird wie Morris{p40} und Crane{p41} in England. [4] Auf alle Fälle möchte ich Sie bitten, die PAN-Redaction zu veranlassen, daß ein längerer Aufsatz über diese Ausstellung (mit möglichst vielen Abbildungen) in einem der nächsten Hefte erscheint. Wenn es Ihnen aus der Entfernung möglich ist, würde es wol auch zweckmäßig sein, Herrn Behrens{p39} (per Adr. Keller{p15}  &  Reiner{p16}) an einige besonders einflußreiche oder kunstliebende Persönlichkeiten zu empfehlen.

Mit herzlichem Gruß

im Dienste der guten Sache

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K57 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other: Auf dem ersten Blatt ist nochmals das Datum mit "22.9.99" vermerkt worden. Wahrscheinlich von Dehmel.

G.040-HGK.19-1899.20
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 22.09.1899

Lieber Herr Dehmel

Ich werde mich sehr freuen, wenn Sie und Frau Isis{p3} mir die Freude machen wollen, am 30ten um 1 bei mir zu frühstücken. Die Fortsetzung der zwei Menschen wird bei mir, wie ich hoffe, einen etwas Stimmungs volleren Refrain finden als beim Rechtsanwalt in Nürn [2] berg{o12}. Für Ihre Karte mit dem prächtigen Vers, die mich in Athen{o30} erreichte, sage ich Ihnen noch nachträglich Dank. Ich habe Ihnen nicht darauf geantwortet, um Sie nicht nochmals mit Homer{p42} zu öden, was ich damals unfehlbar gethan hätte.

Mit herzlichem Gruß

Ihr

Kessler.

d. 22.IX. 99.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other: Angekommen am 12.10.; am 14.10. weitergeschickt nach "Athen Griechenland. Poste restante"

G.041-RD.22-1899.21
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Spezgart, 11.10.1899

Spezgart{o19} bei Ueberlingen{o20} am Bodensee (Baden). 11.10.99.

Lieber Herr Graf!

Ihr Wunsch, ich möchte doch das eine Kindergedicht noch um etliche Ladenartikel verlängern, ist plötzlich (für PAN leider zu spät) in Erfüllung gegangen. Also "die ganze Welt{p6-w23}" hat jetzt vier Verse, und der vorletzte lautet:

Man sieht auch Zimmt und Apfelsinen
und Zuckerhüte zwischen ihnen.
Man sieht auf rotlackierten Blechen
Chinesen mit Matrosen sprechen;
nur manchmal steht ein bunter Mohr,
der lacht, davor.

In der zweiten Hälfte Novbs. kommen wir durch Berlin{o2}; sind Sie dann wieder zuhause?

Mit allen Grüßen

Ihr Dehmel.

NB! Haben Sie meinen Brief wegen Peter Behrens{p39} erhalten? –

[

In der Druckfassung lautet der vierte Vers "Matrosen und Chinesen sprechen;".

]

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K58 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.042-HGK.20-1899.22
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Patras, 13.10.1899

Patras{o25} d. 13. X. 99.

Lieber Herr Dehmel

Behrens{p39} ist ja meine alte Entdeckung! Wir haben ihm im Pan bereits vor einiger Zeit einen langen Artikel{p137-w24} mit Abbildungen gewidmet. Auch ich halte Grosses auf ihn, und bedaure, nicht persönlich in Berlin{o2} zu sein, um ihn wieder mit einigen Menschen zusammenzubringen, wie das vorige Mal. [2] Ich reise jetzt seit 6 Wochen in Griechenland, Corfu{o25}, den ionischen Inseln, habe in Haka{o27} wieder die Odyssee{p42-w25} gelesen; Sie müssen unbedingt über Homer{p42} zu einer andren Ansicht gebracht werden. Lesen Sie einmal Buch XX von Vers 284 an bis Buch XXIII Vers 296 (den alten, echten Schluß). Wenn es irgendeine weniger gekünstelte, mächtigere, tiefere, modernere Poesie giebt, dann will ich mich aufhängen lassen. Die letzten 50 Verse vor Buch XXI und die ersten 50 vor Buch XXII sind sicher ein Gipfel aller sprachlichen Gewalt und aller dramatischen [1] Ich bin im November wieder in Berlin{o2}. Bitte schicken Sie möglichst bald noch eine Abschrift Ihres Thoma{p69} Gedichtes an Flaischlen{p33}. Ich fürchte, daß das erste in meinem Schreibtisch in Berlin{o2} verschlossen liegt!

Besten Gruß.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.043-RD.23-1899.23
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Altona, 18.11.1899

Altona{o28}, 18.11.99.

Lieber Herr Graf!

Ich bin mit Frau ISI{p3} am 29. u. 30. d. M. in Berlin{o2}. Bitte, teilen Sie mir umgehend nach Königsberg{o29} i. Pr. (per Adr. Herrn Oberlehrer Gerchmann{p43}, Luisenstr. 9) mit, an welchem dieser beiden Tage wir Ihnen willkommen sind, und zu welcher Tageszeit. [2] Ich hoffe, Homer{p42} hat noch ein Plätzchen in Ihrer Innenwelt freigelassen, auf das ich den Schluß vom ersten Teil der Zwei Menschen{p6-w10} werde betten können.

Mit herzlichem Gruß

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak – griechische Passage fehlt noch | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.044-RD.24-1899.24
Richard Dehmel an Richard Dehmel - Cranz, 26.11.1899

Cranz{o31} bei Königsberg{o29} -

παρα   ρινα   πολυφλοισοιο  θαλασσης. [Homerische Formel, z.B. Ilias 1.34.]

Also auf Wiedersehn Donnerstag i Uhr.

Ihr D

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K59 | kind: Brief | sheets: 10 | pages: 15 | paper: | other:

G.045-HGK.21-1899.25
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 15.12.1899

Lieber Herr Dehmel

Da ich annehme, daß Sie jetzt wieder in Spezgart{o19} angelangt sind, schicke ich Ihnen beifolgend eingeschrieben Ihre Romanzen [Zwei Menschen{p6-w10}] zurück. Wenn ich Ihnen meinen Eindruck sagen soll, so will ich gleich vorwegnehmen, daß mir die letzte Romanze jetzt in sich als ein künstlerisches Meisterwerk aller ersten Ranges erscheint; sie ist ganz unbegreiflich anschaulich und keusch. Ich habe aber noch stärker als vorher den Eindruck, daß sie, um so zu wirken wie sie es nach ihrer künstlerischen Vollendung sollte, einer stärkeren [2] Vorbereitung bedarf; der Leser darf nicht eine Sekunde schwanken, wenn die Beiden sich jetzt erst einen, sondern die Wirkung muß im Gegenteil daher kommen, daß sie sich jetzt schon nehmen. Um dieses zu erreichen, muß im zweiten Teil dieses ersten Zyklus, der mit der Genesung (S. 48) anfängt, anschaulicher gemacht werden, daß der Mann aus Verstandesgründen, aus Grübelei, die Begattung, nicht nur die Flucht ablehnt, damit nachher sein Hingerissenwerden um so dramatischer wirke. Im ersten Teil, während der Schwangerschaft, versteht sich die Enthaltung von selbst; eine Andeutung genügt, um den Grund der Phantasie vollkommen anzuzeigen; die verstandesmäßige Enthaltung dagegen muß  sehr stark der Phantasie vorgeführt werden, damit [3] sie nicht daran zerreiße. Aus diesem Grund folgenden Vorschlag, für den Sie vielleicht Etwas Andres finden: warum nehmen Sie nicht den Nachtsturm (S. 42.) in die zweite Periode hinein? Im ersten Teil unterstreicht er nur, was jeder schon längst weiß; zum Verständnis ist er nicht nötig. Auch als Höhepunkt der Leidenschaft in diesem Teil ist er nicht unentbehrlich; die Schlittenfahrt hält sich fast auf derselben Höhe. In dem zweiten Teil würde er dagegen mit seiner grandiosen, halluzinierenden Anschaulichkeit die gewollte Klarheit mit einem Schlage hineinbringen, und dieser zweite Teil würde nebenbei dadurch an Leidenschaft einen, wenn auch geringen, Fortschritt über den ersten bedeuten. Um die Umstellung zu ermöglichen genügt eine Änderung von 4 bis 5 Versen; und wenn ich ganz offen sein soll, würde ich gerade diese Verse, die vom noch ungeborenen Kinde handeln, sehr gerne vermissen; sie sind für mich so peinlich, daß der künstlerische Eindruck mir ganz und gar verloren geht. In der Linie der Entwicklung würde das Stück vielleicht zwischen Seite 55 und 56 passen. – Jetzt eine zweite den ganzen Zyklus umfassende Bemerkung. Sie legen einen besondren Wert auf die "Gesellschafts" Stimmung, die "fürstliche" Atmosphäre, die zu Ihrem Leidenschaftsdrama in einem schneidenden ironischen Gegensatz steht; Sie wollen diesen Ton aus Ihrem [4] Akkord nicht vermissen. Ob Sie damit künstlerisch recht haben, können natürlich nur Sie entscheiden. Ich kann nur aus Ihrer Absicht heraus kritisieren. Nun scheint mir Verschiedenes dem beabsichtigten Eindruck schnurstracks zuwiderzulaufen. 1) Die allzustarke Betonung des Dialekts beim Weibe. Ich habe Prinzessinnen gekannt, die sächselten; aber kein Mensch fand das an ihnen fürstlich; und wenn der rheinische Dialekt auch weniger schlimm ist, so stellt sich doch Niemand eine Fürstin Dialekt sprechend vor; bei der notgedrungen sehr knappen Andeutung des Milieus [5] müßten Sie aber meiner Ansicht Alles vermeiden, was nur im Leisesten die Phantasie anders suggestionieren könnte; es ist ein sehr leichtes Gewicht, das auf der andren Wagschale liegt, und Wenig genügt, um es in die Höhe und außer Augenweite schnellen zu lassen. Dieser Dialekt, der mit dem "nit" fast auf jeder Seite wiederkehrt, läßt aber die Illusion von vornherein nicht aufkommen. Ganz unerträglich, und verzeihen Sie den etwas harten Ausdruck, vulgär wird er aber Seite 18 (Krönche', Sternche', Söhnche') und 61 (dei' Töchterche'); das ist einfach unmöglich, wenn Sie die Illusion einer vornehmen Frau aufrecht erhalten wollen! 2) Das Milieu, das aus dem ganzen Zusammenhange von einigen Stellen suggeriert [6] wird, ist nicht das einer fürstlichen Lebenshaltung. Diese Stellen sind folgende: Seite 29. "während im Zimmer Gläser klingen;" man denkt fast gezwungen an eine Etagenwohnung; noch schlimmer in dieser Beziehung ist der bald folgende Reim mit Haut Sauterne; in vornehmen Kreisen wird das Wort sicher immer nur französisch ausgesprochen, also Sautern', zweisilbig, dreisilbig, als Reim auf "Sterne" zerstört es die Illusion, ganz abgesehen davon, daß das ganze Bild: der Fürst, der in der Neujahrsnacht in seiner Stube sitzt und Haut Sauterne trinkt, Nichts sehr Fürstliches hat und mindestens zur Zeichnung des Milieus nichts beträgt; für Liliencron bei Pfordte ist das Etwas Andres; aber, wenn ich raten darf würde ich die zwei Verse, die es hier suggerieren einfach streichen. Etwas Ähnliches habe ich gegen "dein Telephon am Kopfend' meines Betts"; S. 26. abgesehen von der nach meinem Sprachgefühl nicht sehr schönen Kürzung "Kopfend'", müßte eine Fürstin, die ein Telephon am Bett hat, doch sehr nouveau jeu sein. Wie gesagt, das Alles sind Inponderabilien, die aber schließlich ein bestimmtes, von Ihnen nicht gewolltes Milieu suggerieren. Hierher gehört auch die ganze Umgebung, in der die Romanze Seite 44/48 spielt, wie das schöne Telephongespräch aber schließlich mit dem Telephon versöhnt. Sie erreichen mit dem Allem, daß nicht der von Ihnen gewollte Kontrast: Leidenschaft – "Welt" (ich meine vornehme, ironisch herablassende Welt) sich aufdrängt, sondern Leidenschaft – "Berlin{o2}", wobei [7] Berlin{o2} der unfertige, hastige, kulturlose, eben nicht weltmännisch überlegene, sondern weltmännische Überlegenheit simulierende Menschenkreis ist, den wir Beide kennen und verabscheuen. Für diesen Gegensatz ist aber Ihre Leidenschaft zu groß, zu hinreißend, in zu gewaltigen und ewigen Worten ausgedrückt. Mir ist, als ob ich den großen, bitterschönen Apoll aus Olympia{o32} mit einem Berliner{o2} Kommis Arm in Arm sähe. Etwas in dieses Gebiet Schlagendes ist noch Seite 37. Die Offiziere machen nicht den Eindruck, wie vor einer Fürstin; "mit galanter Geberde" grüßt ein Offizier eine Frau von [8] fürstlichem Range nicht, ebenso ist der Ausdruck, "Sie weiß von keinem Gruße" für mein Empfinden nicht sehr glücklich; man soll doch bei einer Fürstin den Zwang, und wenn es noch so leise ist, eben nicht empfinden; unangenehm ist mir auch die Wendung "von irgendwem". Die mit der Offiziersbegegnung von Ihnen beabsichtige Wirkung ist für mich nicht erreicht, und ich würde mich freuen, wenn die Offiziere ganz fortblieben. Ebensowenig speziell eine fürstliche Umgebung suggerierend ist das "Eisbärfell"; gewiß, Fürstinnen, die meistens sehr wenig geschmackvoll eingerichtet sind, werden auch Eisbärfelle in ihren Räumen haben; aber die sehr wenigen [9] Requisiten, die Sie anführen können, sollten doch gerade stark das spezifisch fürstliche suggerieren. Am liebsten würde ich dieses ganze Pelzrequisit beseitigt sehen; es lenkt die Aufmerksamkeit auf Etwas, das für Ihre Zwecke ganz wirkungslos ist und doch durch sein mehrmaliges Wiederkehren im Vordergrund der Phantasie haften bleibt. Unerträglich ist es mir geradezu in den beiden letzten Versen Seite 23, wo auch der Vers "zwei Menschen freuen sich königlich" mir fatal ist; sich "königlich" freuen ist ein so vulgärer Ausdruck, daß er nicht einmal witzig oder ironisch wirken kann. Und hiermit komme ich zu den einzelnen Ausdruckformen, die mir aufgefallen sind und die ich in der Reihenfolge der Romanzen anführen werde. Seite 13: zwischen "mächtig" und "warm" empfinde ich den Bedarf nach einem Komma; sonst wird mächtig zu einem Adverbium, dem vielbeliebten "mächtig groß" oder "mächtig reich", das Nichts Andres als ein Berlinisch Norddeutscher Sprachfehler ist.

Seite 14: mir gefällt "Geraune" für Geflüster bei einer Frau nicht sehr.

Seite 15: "Gedudel und Gequiek" klingt nicht sehr vornehm.

Seite 16: "Als ich sie noch "ewig" liebte" stört mich in diesem herrlichen lyrischen Stück; es ist nicht nur ironisch, sondern wenn man sich in die Seele des Mannes versetzt, nicht übermäßig geschmackvoll von ihm, der Neugeliebten so über seine frühere Geliebte und über sich selbst zu sprechen; es klingt Etwas wie Selbst-Misachtung hinein, was hier garnicht paßt. Seite 17: die "Kinnbartspitze" und [10] der Wunsch: "so lach mal mir ins Ohr" gefallen mir für im Munde des Weibes nicht; es liegt Etwas nicht von Leidenschaft sondern von Zartheit darin, was gerade in den vorhergehenden sanften und glühenden Versen vermieden war; ich würde mich sehr freuen, wenn diese beiden Verse verschwänden.

Seite 19. Ich würde lieber so interpungiert sehen:
Hitze schwingt. In gleichen Zwischenräumen
tippt ihr Finger an die Scheibe,
ihre Augen stehn in Träumen,
während sich zwei Vipern bäumen.
Sagt ein Mann zu einem Weibe: etc.
Seite 20. "mehr als kindische Lust" klingt vulgär; kindisch ist ein zu allen möglichen Jargon Zwecken so abgenütztes Wort, daß ich es in ernster, auch ernst-witziger, Rede kaum noch ertrage. Inhaltlich muß ich mich [11] gegen die Verse von: "Wer kann noch ernst zum Christkind beten" etc. wenden. Gerade von Christus, wie er für Jeden, der, nicht als Christ, sondern ganz unbefangen die Evangelien{s90} liest, läßt sich, was Sie hier sagen, nicht sagen, so sehr es von vielen Heiligen gilt. Was Sie hier den Propheten Christus zu sich sagen lassen, kann allerdings jeder Mensch, der nach "Heiligung" strebt, sich selber immer wiederholen; und mir scheint, daß das auch das ist, was Sie sagen wollten; aber deshalb gerade wirkt die spezielle Anwendung auf Christus, zu dem es am wenigsten paßt, geistig versteinernd. Seite 21. Warum wollen Sie Ihrer Fürstin, wenn Sie nun einmal eine Fürstin sein soll, jüdisches Blut geben; Sie bereiten sich damit doch nur selber Schwierigkeiten, das Milieu [12] Aufrecht zu erhalten. Seite 23. ist die Namengebung und die sehr schöne Ablehnung der Namengebung nicht ganz klar durcheinandergemischt. Noch einmal: das "sich königlich freuen" ist zu sehr Jargon; das können Sie nicht stehen lassen. Seite 27. Die Frage "Bist du taub?" klingt nicht sehr vornehm; c'est une querelle de ménage; eine nicht sehr geschmackvolle triviale Redewendung; die Frau bekommt dadurch Etwas unvornehm ungedulgiges, fast Keifendes, das mich stört. Seite 28. Das ganze Stück scheint mir doch nicht sehr notwendig; wenn Sie Etwas Andres finden, würde ich es mit Freuden begrüßen. Seite 31: Die Verse "Aber ich hab ...." bis "Brut" klingen ziemlich brutal, und sind unnötig, da die Schwangerschaft die Phantasie schon genügend angezeigt ist und gleich hinterher Seite 36 in der herrlichsten Weise noch einmal vorgebracht wird. Seite 35. Ihr prachtvolles Bild der Mark würde für mich gewinnen, wenn an der Stelle das ziemlich belanglosen Rhin die von Ihnen ausgelassenen und doch so charakteristischen Seeen der Mark träten; die Assonanz mit dem Rhein ist mir im Vergleich dazu gleichgültig. Seite 40: ein guter Fahrer "schwenkt" nicht die Zügel; ich schlage vor: "strafft", was zugleich das ins Zeug gehen der Pferde besser malt. Seite 43. "wahre" Traum Allee klingt nicht sehr glücklich, etwas Berlinisch{o2}; jedes andre Adjektivum würde mir besser gefallen. Ebenso Seite 46 "Himmelbette", das ganz Berlinisch ist. Seite 51: Warum schreiben Sie woll'n statt wollen, das ebensogut in den Rhythmus paßt? [13] Seite 52: ein Nordlicht, das "prahlt" scheint mir nicht sehr genau das zu bezeichnen, was Sie sagen wollen. Seite 55: die zwei Menschen blicken nicht sich an, was sie nur im Spiegel thun könnten, sondern einander; ebenso bewachen die Schlange und der Drache S. 62 nicht sich, sondern wohl einander; hier wird der Sinn durch den Berlinismus direkt verdunkelt. Seite 63 stört mich der Vers "und was er wirkt, das tiefst Versöhnliche", den ich nicht verstehe, und der mir noch dazu den Sinn des, ohne ihn ganz Klaren, Vorhergehenden verdunkelt. Seite 64. Man sagt zu einer Fürstin nicht "Frau" Fürstin, sondern "Fürstin"; das Andre klingt Lakaienhaft. Seite 68: ist nicht die Haut glühender als eine Braut sondern als die Haut einer Braut. Seite 78 [14] ist mir das Eisbärfell und der ganze Vers, in dem es vorkommt, besonders fatal; warum so bestimmt? warum die Phantasie gerade hier mit diesem Bilde beschweren, wo Sie sie für ganz Andres nötig haben und vorbereiten wollen? mir genügt es zu wissen, daß die beiden Menschen nebeneinander ruhen und je unsichtbarer der Gegenstand, auf dem sie ruhen ist, um so schöner und reicher wird meine Phantasie sich mit ihnen beiden beschäftigen. Schließlich noch ein Nachtrag: Seite 52 würde ich im untersten Vers jedenfalls nicht "Damen" setzen, das Lakaienhaft ist, sondern entweder Frauen oder, was, wie mir scheint, hier ganz gut paßt: "einer Fürstin" oder "Fürstinnen". Das "reine Haar" will [15] mir noch nicht recht gefallen, obgleich ich es nicht gerade für sehr bedenklich halte. – Wie ich nun das Alles, was ich Ihnen schreibe, noch einmal durchlese, wird mir klar, daß Sie dadurch von meinem Eindruck ein völlig falsches Bild erhalten. Ich habe, da ich praktische Kritik üben wollte, nur das hervorgehoben, was mir misfallen hat, und das sind, wie Sie sehen, durchaus Einzelheiten. Meine Bedenken gegen die "wiederholte" Form sind bei der Lektüre, und je öfter ich das Werk gelesen habe um so mehr, geschwunden. Ihre Landschaftschilderungen und die Innenlyrik der Gespräche gehören sicher zum allerherrlichsten, was wir in deutscher Sprache haben; Innigkeit, Zartheit und Kraft des Ausdrucks sind überall, wo Sie diese Wirkungen erstrebt haben, auf einer Höhe, zu der sehr Weniges in der Litteratur heranreicht. Ich bedauere eigentlich, obgleich ich mich hier natürlich ganz vor Ihrem Künstlerwillen beuge, daß Sie auch noch den durchgehenden ironischen Klang nötig zu haben glauben; und hauptsächlich deshalb, weil dieser Ton einer von den wenigen ist, die Ihnen, wie mir scheint, von Natur fehlen. Sie sehen die Welt viel zu tief und naiv aus Ihrem großen Fühlen an, um sie in Wirklichkeit ironisch empfinden zu können. Wo Sie die Ironie anschlagen, klingt Sie daher weniger rein, weniger voll und urwüchsig, als was Sie umgiebt; es ist wie ein Klavier, auf dem ein Ton schwächer oder weniger voll wäre als die andren; wenn der Spielende ihn zu oft anschlägt, geht das dynamische Gleichgewicht verloren. In dieser Dichtung ist des andren Herrlichen allerdings so viel, daß dieses, was mir nicht vollkommen scheint, dagegen ganz verschwindet. Ich trenne mich mit schwerem Herzen von Ihrer Dichtung und danke für die schönen Stunden, die ich mit ihr erlebt habe.

[1]

Mit der Bitte, Frau Isi{p3} zu grüßen, und den besten Wünschen zum neuen Jahr

Ihr

Kessler

15. Dez. 1899.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler; Veröffentlicht: Richard Dehmel, Ausgewählte Briefe aus den Jahren 1883 bis 1902 (Berlin: S. Fischer Verlag, 1922), Nr. 272. | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 4 | paper: | other: Der Abdruck in der Briefausgabe von 1922 ist unvollständig.

G.046-RD.25-1899.26
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Spezgart, 20.12.1899

Spezgart{o19} bei Ueberlingen{o20} am Bodensee.

20.12.99.

Lieber Graf Keßler!

Ihr Brief hat mir nämlich Bange gemacht, ob ich mich mit der Anrede "Herr Graf" nicht einer Lakailichkeit schuldig mache. Dies meine ich absolut nicht ironisch, während in meinem Roman [ Zwei Menschen{p6-w10} ] die Anrede "Frau Fürstin" – sie kommt ja nur an einer einzigen Stelle vor – natürlich absichtlichste Ironie sein soll. Ich würde mich wundern, daß Sie [2] das übersehen haben, wenn ich Ihnen nicht Recht geben müßte, daß es mit meiner Ironie nicht weit her ist. Sie ist mir mehr Verstandes- als Gefühlssache, und deshalb wird sie mir im Dichterischen Ausdruck wol nie vollkommen schlagkräftig glücken. Aber um über den bösen Spielplatz zwischen humanen und sozialen Dämonen mit guter Miene hinwegzukommen, kann man sie leider nicht ganz entbehren; je weiter hinein in den Roman, umso mehr wird dies "ressentiment" verschwinden. Ich danke Ihnen also herzlichst, daß Sie Sich solche Mühe gegeben haben, mir aus der Not eine Tugend machen zu helfen. Es ist wol selbstveständ [3] lich, daß ich mich nicht in jeder Hinsicht Ihren Bedenken anschließen kann; aber das Meiste werde ich zu bessern suchen. Es wäre mir sehr lieb, wenn ich mich über einige Stellen, die von durchgreifender Bedeutung sind, sodaß ich sie ungern aufgeben würde, noch mündlich mit Ihnen auseinandersetzen könnte; brieflich über so penible Dinge hin und wider zu reden, ist kaum möglich und würde keinesfalls den Zeitaufwand lohnen. Können wir nicht einander im Frühling irgendwo begegnen? Ich gehe mit Frau Isi{p3} Anfang Februar nach München{o13} und werde dort wahrscheinlich bis Anfang März bleiben. Dann wollen wir, Ihrem Sirenensang folgend, nach Pontikonisi übersiedeln, uns aber auf der Hinreise [4] erst 4-6 Wochen lang Italien ansehen. Vielleicht führt Sie Ihr Frühjahrsweg durch eine der oberitalienischen Städte. Wenn nicht, dann wird sich wol auch noch später, bevor der Roman [ Zwei Menschen{p6-w10} ] als Buch erscheint, eine Gelegenheit finden für das Gespräch. Mit herzlichem Weihnachtsgruß und allen Glückwünschen ins neue Jahrhundert

Ihr Dehmel.

P.S. Noch eine wichtige Reisefrage: wie läßt man sich Geld nach Korfu{o24} schicken? Ist dorthin der Postweg sicher genug, oder ist Anweisung auf ein Bankhaus vorzuziehen? In letztem Falle, auf welches? –

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 3 | paper: | other:

G.047-RD.26-1900.01
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Spezgart, 25.01.1900

Spezgart, 25.1.1900.

Verehrter Herr Graf!

Haben Sie meinen Brief (Antwort auf Ihre Kritik der "Zw. M.{p6-w10}") nicht erhalten? oder habe ich Sie durch irgendetwas unwissentlich verletzt? Ich bat Sie um Nachricht, ob wir uns nicht im März oder [2] April, auf meiner Reise durch Italien nach Pontikonisi, irgendwo treffen könnten, um über einige mir sehr wichtige Stellen meines Romans [ Zwei Menschen{p6-w10} ] mündlich mit Ihnen ins Reine zu kommen. Seit mehr als 4 Wochen schweigen Sie nun beharrlich, und ich habe keine rechte Erklärung [3] dafür. Bitte, schicken Sie mir ein paar Zeilen nach München{o13}, bahnpostlagernd! ich reise nächster Tage dorthin ab und bleibe den ganzen Monat Februar da.

In herzlicher Ergebenheit

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K60 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other: Auf dem ersten Blatt ist nochmals das Datum mit "29.1.1900" vermerkt worden. Wahrscheinlich von Dehmel.

G.048-HGK.22-1900.02
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 29.01.1900

Lieber Herr Dehmel

Wie konnten Sie nur glauben, daß verstimmt sei? Ich war nur im medizinischen Sinne stark verschnupft, als Ihr Brief kam, so daß ich zehn Tage lang kaum aus den Augen sehen konnte; und nachher hat sich die Antwort mit vielen andren (leider!!) auf die lange Bank [2] geschoben. Ich habe mich im Gegenteil über Ihren damaligen Brief sehr gefreut, indem ich daraus entnahm, daß Sie vielleicht die eine oder die andre meiner Bemerkungen interessiert hatte. Ich würde brennend gern mit Ihnen irgendwo zusammentreffen. Aber ich fürchte im Februar oder März ist das außerhalb Berlins{o2} ausgeschlossen, da ich durch meine Examens Arbeiten an die Residenz gebunden [3] bin. Aber da das ganze Werk [ Zwei Menschen{p6-w10} ] doch wohl erst in einiger Zeit erscheint, läßt sich bis dahin doch vielleicht noch eine Zusammenkunft, etwa im Sommer oder Herbst, einrichten. Auf Ihre Frage wegen Korfu{o24} kann ich Ihnen nur die Ionian Bank in Korfu{o24} als Geldinstitut angeben. Wenn Sie längere Zeit in Griechenland bleiben, rate ich Ihnen zu einem Kreditbrief, sonst eingeschrieben  nachschicken. Sicherer ist natürlich der Kreditbrief, aber auch etwas teurer.

Mit sehr herzlichem Gruß, den ich auch an Frau Isi auszurichten bitte,

Ihr ergebenster

Kessler.

d. 29 Jan. 1900.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.049-RD.27-1900.03
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Olympia, 23.04.1900

23.4.00

R.D.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K61 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other: Dehmel notiert auf dem Brief: "Erhalten am 4. Mai 1900 in Corfu."

G.050-HGK.23-1900.04
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, [04.05.1900]

Lieber Herr Dehmel

Vielen Dank für Ihre freundliche Karte, die mir durch die Erinnerung an Sie und durch die Erinnerung an Korfú{o24} große Freude gemacht hat. Ich kann nicht sagen, wie ich Sie und Ihre Frau Isi{p3} beneide und mit welcher Sehnsucht mich wieder das Bildchen erfüllt hat. – Da ich nun Ihre Adresse weiß (sie ist doch Pontikonisi?) so schicke ich [2] Ihnen auch direkt einen Abdruck meines Essays [ Kunst und Religion{p1-w26} ] , der ja allerdings vorläufig nur Fragment ist (die erste Hälfte) aber wenigstens das ästhetische Problem, das Problem der ästhetischen Empfänglichkeit, des ästhetischen Phänomens als solchem, erschöpft, so weit ich es behandeln will. Mir ist so, als wären meine Ansichten mit der Ihrigen in diesen Sachen verwandt, und deshalb lege ich Wert darauf, daß Sie den Essay [ Kunst und Religion{p1-w26} ] [3] erhalten. Sollte er Ihnen nicht zugehen (ich habe die wunderlichsten Dinge mit der Post in Corfú{o24} erlebt; einen Brief, der mir im September vorigen Jahres dorthin geschickt wurde, habe ich jetzt vor 8 Tagen erhalten), sollte Ihnen der Essay [ Kunst und Religion{p1-w26} ] also nicht zugehen, so bitte ich um Nachricht. Wie wunderbar müssen Ihnen die Verse quellen beim leisen Plätschern des Wassers am alten, weißen Kloster; und dann Abends das Farbenspiel auf der großen Meeresfläche; ich habe Weniges auf Erden gesehen, das mich mit solchem Entzücken erfüllt hat wie dieser Zauberfels von flüchtigen, grauen und rosigen und blauen Tönen. Lesen Sie dort nicht griechisch, Homer{p42}, die Lyriker, Theognis{p44}? Ich glaube, Sie würden viel davon haben.

Herzlichen Gruß Ihnen und der Frau Isi{p3}

von Ihrem ergebensten

Kessler

Wie lange bleiben Sie in Korfú{o24}? Vergessen Sie nicht Olympia{o32}; auch Delphi{o88} soll jetzt sehr sehenswert sein; ein Wagenlenker Standbild{p136-w71} ist da (spätarchaisch), das nach dem Abguß zu urteilen, von herber aber sehnsuchtsvoller Schönheit sein muß.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.051-RD.28-1900.05
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Athen, [5.-15.5.1900]

Man sieht noch manchmal zurück nach ihnen,
aber es sind und bleiben Ruinen,
nur die Berge und Sterne sind ewig schön.

Ihr D.

Meine Adresse ist: Sirmione{o38} am Gardasee, casa Promessi Sposi.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler; Veröffentlicht: Richard Dehmel, Ausgewählte Briefe aus den Jahren 1883 bis 1902 (Berlin: S. Fischer Verlag, 1922), Nr. 284. | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 4 | paper: | other: Der Abdruck in der Briefausgabe von 1922 ist unvollständig.

G.052-RD.29-1900.06
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Sirmione, 15.05.1900

Sirmione{o38} (lago di Garda). 15.5.00.

Lieber Herr Graf!

Sie sind der Erste, dem ich von hier aus schreibe; und wenn Sie diesen wundervollen Fleck Erde, der Insel und Halbinsel, Bergland und Ebene zugleich ist, noch nicht aus eigener Bewunderung kennen, d.h. nur aus Catulls{p45} Besingung, dann müssen Sie uns bald einmal besuchen. Schon damit Sie begreifen, warum wir nicht auf Pontikonisi geblieben sind. Hier haben nördliche und südliche Landschaft sich vermählt und etwas Einziges erzeugt. Gebirge und See sind ebenso reich an Farben und Formen wie bei Corfu{o24}, die Berge wol noch formenreicher, und eine Feldlandschaft tritt dazu, die mich an meine Heimat erinnert: Binsen und Bäume und Blumen wie um ein märkisches Fischerdorf. Und dann noch Etwas, das einen nicht romantischen Geist viel freudiger stimmt als in Griechenland, zukunftsfreudiger: man ist hier, so sehr der Ort von Allerweltsreisenden zum Glück noch verschont ist, der Welt von Heute doch [2] näher als auf dem "versteinerten Schiff des Odysseus" [ Homer{p42}, Odyssee{p42-w25} ] . Die fatale, vielleicht nur zufällige Aehnlichkeit der "Mausinsel" mit Boecklins{p46} Toteninsel{p46-w27} hätte mir auf die Dauer nicht wohlgethan, von der Gesellschaft des tauben Mönches und seiner schmutzigen Köchin ganz zu schweigen; es kam mir so eng dort vor, daß ich mich fürchtete, am Ende selber zur Maus zu werden. Welcher Ausblick von hier aus, wo Cäsar{p48} Catullen{p45} besuchte, wo Dante{p47} Gastfreund der Scaliger{p119} war, wo Bonaparte{p50} den italiänischen Feldzug begann, welcher Ausblick auf das arbeitsame Volk der Lombardei, auf diesen wahrhaften Garten Eden, dessen Bewässerungspläne Lionardo{p120} entwarf, und über die Alpen weg nach Deutschland, unserm Deutschland, das wir lieben, trotz aller preußischen Staatsanwälte! Wieviel weiter und fruchtbarer ist das alles, als die weitesten Rückblicke nach Althellas, trotzdem ich auch dort, in Corfu{p24}'s herrlichem Olivenwald, vom Osterhasen zu den Versen verführt wurde:

Nun still, du graue Mythe
mit deinem trüben Sinn!
ganz Hellas steht in Blüte,
[3] noch heut, so wahr ich bin!
Hier lernt man heiter schreiten:
über den Schutt der Zeiten
geht immergrün die Zeit dahin.

Die Natur allein thut's aber nicht; der Mensch wird ihrer erst froh durch Cultur. Grade die Kunst beweist uns das, und ich kann Ihnen nicht beistimmen, wenn Sie im dorischen Tempel mit seinem Giebel- und Metopen-Bildwerk die poetische Natur der Künstler weniger bethätigt finden als in der religiösen Architektur der Byzantiner. Das liegt nur daran, daß Sie auf Grund unsrer überwiegend christlichen Cultur die natürlichen Elemente der heidnischen Kunst nicht mehr vollkommen nachfühlen können, und zwar grade die religiös-poetischen nicht; da verlegen wir die Wirkung fast ausschließlich in die ästhetisch-harmonischen. Die Alten selber – das beweist mir die Art, wie sie die erfinderische Phantasie des Phidias{p52} bewunderten – haben ganz sicherlich, wenigstens der älteren, dorischen Kunst gegenüber, zu der in gewissem Grade ja auch noch Phidias{p52} gehört, die gleiche Freude am poetischen wie am plastischen Symbol der Naturkräfte gehabt; erst der jonischen Säule und dem attischen Fries gegenüber dürften sie ähnlich em [4] pfunden haben, wie es die glänzende Schilderung auf Seite 35/36 Ihrer Schrift [ Kunst und Religion{p1-w26} ] ausführt, weil nämlich damals die hellenische Cultur selber nicht mehr aus religiöser, sondern aus philosophischer Naturanschauung floß. Daß eine Kunst, die aus religiöser Schaffenskraft wächst, möge der Glaube sich mehr an die sichtbare oder mehr an die unsichbare Natur der Dinge halten, stets gleichermaßen poetische wie harmonische Bedürfnisse zu befriedigen strebt, das ist mir am deutlichsten in Ravenna{o43} aufgegangen. Kein dorischer Tempel kann harmonischer wirken wie die Kuppelkirche San Vitale, trotzdem die Barockzeit Alles gethan hat, diesen wunderbar innigen Centralbau zu verschandeln. Grade hier, wo nur noch eine einzige Kapelle durch die Poesie der Mosaiken spezifisch christlich wirkt, kann man die generellen Grundgesetze religiöser Kunst gleichsam im Knochengerüst studieren; die Renaissance kommt einem dann nur noch wie ein sehr künstliches Theater vor. Auf alle Fälle werden Sie aus meinen Einwendungen erkennen, daß mir die Grundgedanken Ihrer Schrift vollkommen aus der Seele geschrieben sind; die Ausführungen über Mittel und Ziele des Kunstschaffens (Seite 14 u. 16 unten) scheinen mir gradezu classisch formuliert, vor allem weil sie zum ersten Mal ein klares Licht in den Zusammenhang aller Künste werfen. Ich bin gespannt, ob Sie im zweiten Heft auf Das kommen werden, was ich die Religion der Religionen nennen möchte.

Mit herzlichem Gruß

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Entwurf: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 6 | paper: | other: Viele Bearbeitungsspuren mit Bleistift durch Kessler.

G.053-HGK.24-1900.07
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 18.05.1900

d. 18. V. 1900.

Lieber Herr Dehmel

Ich muß das, was ich über die griechische Kunst und die Stellung des Tempels zum Mythus gesagt habe, Ihren Ausführungen gegenüber aufrechterhalten; und zwar glaube ich, daß Ihrerseits ein Misverständnis vorliegt, das wohl aus der zu gedrängten Darstellung in meinem Aufsatz [ Kunst und Religion{p1-w26} ] entstanden ist. Daß der Mythus im 7ten und 6ten und bis [2] ins 5te Jahrhundert eine aus sonst unvorstellbarer Macht und Ausdehnung gewonnen, einen unversiegbaren Reiz ausübt {,} weiß ich sehr wohl; ich glaube, daß mir dieses klarer und anschaulicher vor Augen steht, als den Meisten, die über Griechenland schreiben, weil ich {früh} mich mehr als man es für gewöhnlich thut {zu viel} mit griechischen Versen und ionischer Philosophie beschäftigt habe {, um dies zu verkennen} ; aber auch für den bloßen Gymnasiasten ist das ganz klar; denn nur daraus erklärt sich die märchenhaft üppige [3] Blüte {aufblühen} der tragischen Kunst. Aber wie diese tragische Kunst den Einbruch des mythischen Geists in die Lyrik und die Sprengung der noch überwiegend ornamental-rhythmischen Form {Lyrik} durch die poetische bedeutet, so hat zu gleicher Zeit auch auf dem Gebiet der Tempelkunst ein Einbruch des Mythus stattgefunden, der natürlich lange vor der sogenannten Phidias{p52}zeit seinen Höhepunkt erreicht hatte. Das Alles hielt ich für so bekannt, daß ich es deshalb nur angedeutet habe. Es stand ja auch für {Für} mich Etwas ganz Andres in Frage; nämlich das Problem, w {W} ie entsteht eine rhythmisch-harmonische religiöse Kunst? Für eine solche schien mir der dorische Tempel das geeignete Paradigma. Wenn ich die griechische poetische religiöse Kunst hätte betrachten wollen, hätte ich natürlich die Tragödie zur Darstellung benutzt; aber hier hatte ich ein nur vorher liegendes, umständlicheres Beispiel und so habe ich die griechische Tragödie nicht gestreift. Nun kommt hinzu, daß allerdings der griechische Mythus nicht zweifellos ursprünglich aus den von der Natur geweckten Gefühlen entstanden war und auch gerade durch diese täglich erlebten Gefühle, so lange es existiert hat, am [4] mächtigsten fortdauernd geäußert worden ist; daß das Naturgefühl also immer der Boden blieb, aus dem der Mythus Zug für Zug wie Antaeus aus der Mutter fort seine Kräfte sog. Insofern war der Mythus in der That für die griechische Religion Etwas Sekundäres; er konnte fließen und sich verändern, ohne die Wurzel zu berühren, aus der dem Griechen seine religiösen Gefühle erwuchsen. Ich verkenne also die Rolle, die der Mythus in der religiösen Seelenwelt der Griechen spielte, keineswegs; im Gegenteil; nur [5] scheint es mir, daß seiten dieser sich verlangenden Herren sehr viel tiefere, dauernd wirksame Kräfte siegten, die ihn am Leben erhalten; und diesen tieferen Kräften scheint mir der dorische Tempel in seinem rhythmisch-harmonischen Theil zu dienen. Weiter habe ich Nichts sagen wollen. Und außerdem ist die ganze Frage für mein Thema, wie gesagt, Nebensache; denn es kam mir nur darauf an, überhaupt die Ausbildung von Rhythmus und Harmonieen durch das religiöse Bedürfnis der Menge an einem Beispiel [6] zu zeigen; ob nebenher dieselbe Religion auch poetische Ritusformen ausbildete, wie hier namentlich die Tragödie, war für das, was ich wollte, ganz gleichgültig; es wäre sogar dann gleichgültig gewesen, wenn diese poetischen Formen das Primäre und für die betreffende Religion Wichtigere gewesen wären. In der christlichen Religion findet sich ja ein ganz ähnlicher Parallelismus zwischen der mittelalterlichen Mystik (rein rhythmisch und harmonisch) und der mittelalterlichen Liturgie, die sich aus dem und in dem Kultus in dem, Beides zusammen als Gesamtkunstwerk gefaßt, verkürzend und die die poetische Seite der christlichen Religion rituell ausnutzt. Nur ist hier aus den in meinen Essay [ Kunst und Religion{p1-w26} ] angegebenen Gründen das Poetische das Primäre, das Rückgrat der Religion, das vom Rhythmisch Harmonischen umkleidet wird. Ich hätte aber, wie gesagt, meine beiden Beispiele auch Beide nur dem Griechentum oder Beide aus dem Mittelalter wählen können; darin haben Sie natürlich Recht; aber auch ich habe nie Etwas Andres gemeint. – Ich beneide Sie um Ihr Sirmione{o38}; ich selbst sitze im Akten- und Bibliotheks Staub und Raum "Jus". Herzlichen Gruß und vielen Dank für Ihre Bemerkungen. Wie steht es mit dem "Roman in Romanzen" [ Zwei Menschen{p6-w10} ] ? Ich lese von Zeit zu [4] Zeit diesem oder Jenem Verse von Ihnen vor und habe jedes Mal den ungläubigen Thomas bekehrt. – Bitte grüßen Sie auch Frau Isi{p3}

Ihr

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K62 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other: Auf dem ersten Blatt ist nochmals das Datum mit "12.10.1900" vermerkt worden. Wahrscheinlich von Dehmel.

G.054-HGK.25-1900.08
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 12.10.1900

Sehr verehrter Herr Dehmel

Mir ist der Vorgang, auf den Sie anspielen, vollkommen rätselhaft, da er in der Form, wie es sich thatsächlich ereignet hat, unmöglich zu den Konsequenzen führen konnte, die Sie ziehen zu wollen scheinen. Ich habe allerdings die gestern gestreifte Ansicht Schäfer{p12} gegenüber ausgesprochen, wie ich Sie wohl auch Ihnen und vielleicht sogar [2] auf Befragen Frau Isi{p3} selbst gegenüber ausgesprochen hätte; es handelt sich hier um eine rein objektive Beurteilung menschlicher Verhältnisse, bei der mein großes Interesse und meine Bewunderung für Sie mitsprachen, die aber unmöglich Etwas Beleidigendes haben konnte; ich weiß nicht, in welcher Weise diese Meinungsäußerung in unabsichtlicher oder vielleicht auch in übelwollender Weise entstellt worden ist; bedauere aber, wenn [3] Sie auf Äußerungen hin, die Ihnen von zweiter oder dritter Hand hinterbracht worden sind, durch unsere Bekanntschaft einen Strich machen wollen.

In aufrichtiger Zuneigung

Ihr ergebenster

Kessler

d. 12. X. 1900.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.055-RD.30-1900.09
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Berlin, 12.10.1900

Berlin, 12.10.00.

Sehr geehrter Herr Graf!

Um Schäfer{p12} nicht in schiefes Licht zu setzen, muß ich Ihnen noch sagen, daß ich die gestern besprochene Aeußerung nicht von ihm selber erfahren habe, überhaupt nicht auf dem Wege der bewußten Indiscretion, sondern durch einen merkwürdigen Zufall, und zwar erst auf der Reise nach Berlin{o2}, also erst nachdem ich den Brief an Sie geschrieben hatte, den Sie inzwischen wol gelesen haben werden.

– Hochachtungsvoll

– R. Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K63 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.056-HGK.26-1900.10
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 24.10.1900

d. 24. X. 1900.

Sehr geehrter Herr Dehmel

Obgleich eine Fortsetzung dieser Korrespondenz einen praktischen Zweck offenbar nicht hat, möchte ich doch zum Schluß noch einmal feststellen, daß die Meinungsäußerung, auf die Sie anspielen, weder Ihnen noch Ihrer Feundin [ Ida Dehmel{p3} ] einen Grund zur Empfindlichkeit geboten hat. Gerade die Wertschätzung Ihrer Person und die Ihrer Freundin [ Ida Dehmel{p3} ] war dabei garnicht im Spiel, da es sich nur um litterarische Folgen handelte die die Losreißung von Ihrer Familie [ Dehmel, Paula{p26} ] haben konnte. Unbegreiflich ist mir, [2] wie die Erörterung dieser Frage mit einem engen Bekannten von Ihnen und die Ansicht, die ich damals gehegt und ausgesprochen habe, Sie oder Ihre Freundin [ Ida Dehmel{p3} ] kränken könnten. Ganz entschieden verwahre ich mich aber gegen die Unterstellung, daß ich nur aus psychologischem Interesse mit Ihnen verkehrt hätte; ich pflege in der That psychologische Curiosa anders zu behandeln, als ich Ihnen und auch Ihrer Freundin [ Ida Dehmel{p3} ] entgegengekommen bin. Daß das Persönliche und nicht blos das abstrakt Litterarische in meinem Verhältnis zu Ihnen die erste Rolle spielte, hätte Sie unser Verkehr in jedem Wort [3] lehren können. So kann denn auch ich wie Sie nur mit einem Wunsch schließen, daß Sie mit der Zeit zu einer richtigeren und gerechteren Auffassung des Vorgangs kommen mögen, der Sie und Ihre Freundin [ Ida Dehmel{p3} ] zu meinem Bedauern gekränkt hat.

In aufrichtiger, nicht blos objektiver Ergebenheit

Ihr

Harry Graf Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K64 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.057-HGK.27-1901.01
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 28.01.1901

Berlin den 28 Januar 1901.

Lieber Herr Dehmel

Gestern bei meiner Rückkehr aus dem Orient begrüßte mich Ihr Fitzebutze{p54-w26} als das Erfreulichste, was mir nach einer langen Abwesenheit entgegentreten konnte. Ich nehme dies als Omen für das Jahr, das während meines Fernseins begonnen hat. Nicht nur weil es einen Schmerz, den mir das letzte Jahr angethan hatte, [2] wieder gelöscht hat, sondern auch weil das Buch in Inhalt und Ausstattung zu dem erfreulichsten gehört, die mir in die Hände gekommen sind. Kreidolf{p22} ist in der That in ganz erstaunlicher Weise in den Geist eingedrungen, aus dem Sie gedichtet haben; was er geschaffen hat, ist mit Ihrer Dichtung wie aus einem Guß und doch keine Wiederholung. Die Figuren, wie der Fitzebutze, der Freund Husch, die Puhstemuhme, machen mythische Schöpfungen aus dem Geist des Kindes [3] heraus, die auch leben werden; eine Bereicherung der Welt, die das deutsche Kind des neuen Jahrhunderts um sich herum sehen wird. Seit dem Struwwelpeter{p55-w29} [ Hoffmann, Heinrich{p55} ] ist Nichts ähnlich Lebendiges, ich meine zu leben Prädestiniertes, für Kinder erschienen, und als Künstler ist Kreidolf{p22} natürlich weit überlegen. Ich möchte das Buch nur womöglich noch billiger sehen. Weniger zahlreiche Farben würden das vielleicht ermöglichen. Künstlerisch könnte ein Bild wie S. 25 nur gewinnen, wenn es noch weniger Farben hätte. Das ist überhaupt der einzige Punkt, wo mir ein Fortschritt allenfalls denkbar scheint; die Farbe möchte ich noch lustiger und zugleich noch harmonischer sehen, Letzteres was die einander gegenüberstehenden Seiten anbetrifft; manche Töne sind mir etwas zu sehr ins Graue gezogen. (vielleicht liegt das aber auch am Druck) Für das Kind möchte ich die reinen Farben, kräftige klare Töne, durchweg vorziehen; mir schwebt als Farbe so Etwas wie die Bilder des Schweden Marke (?) vor.

Mit den besten Grüßen, die ich vielleicht auch Ihrer Freundin [ Ida Dehmel{p3} ] auszurichten bitten darf, in alter Anhänglichkeit, Ihr

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Signatur: A: Kessler; Abschrift im Dehmel-Archiv, Hamburg, Signatur: D883 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 4 | paper: | other: Auf dem Briefpapier ist zum ersten Mal ein Stempel aufgebracht: R und I innerhalb eines Ds.

G.058-RD.31-1901.02
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Heidelberg, 30.01.1901

Heidelberg{o48}, 30.1.1.

Lieber Herr Graf!

Wenn Sie mir so die Hände entgegenstrecken, muß natürlich mein Herz hineinhüpfen. Also Amen! –

Was Sie über die Fitzebutze{p54-w28}-Bilder sagen, haben wir (Kreidolf{p22} und ich) uns auch schon gesagt. Die Mängel sind größtenteils darauf zurückzuführen, daß die Tuschzeichnungen für ein Format und eine Qualität Papier berechnet waren, [2] das nachher, dank dem Schlendrian der Inselherren, von der Fabrik nicht rechtzeitig geliefert werden konnte, sodaß wir ein anderes, zu rauhes und zu kleinflächiges, nehmen mußten. Dadurch sind erstens die Farben fast durchweg zu schmierig oder zu grau gekommen, und zweitens passen manche Bilder (besonders die vis-à-vis stehenden) nicht richtig in den Raum. Kreidolf{p22} war kreuzunglücklich; aber es war unmöglich, die Drucklegung länger hinauszuschieben, und schließlich ist sie ja passabler ausgefallen, als unter diesen Umständen eigentlich zu erwarten stand. Wir [3] wollen nun bei der zweiten Auflage, die vielleicht schon für nächste Weihnachten nötig wird, die Mängel nach Möglichkeit beseitigen, und wenn Sie mir etwa bestimmte einzelne Besserungsvorschläge machen wollen, werde ich Ihnen dankbar sein. Hoffentlich schieben uns die Herren von der "Insel" nicht wieder allerlei in die Quere; es hält schwer, bei diesen Laffen etwas Gescheidtes durchzusetzen. Bei allem guten Mut möchte man manchmal am deutschen Geschmack verzweifeln; da sind nun endlich ein paar Leutchen von einer gewissen Bildung und einigem Eigensinn, denen es wirklich aufs Geld nicht ankommt, aber anstatt es nun ernstlich an irgendeinen weitschauenden Plan zu wa- [4] gen, verpulvern sie's in Schnurrpfeifereien oder bestenfalls in Wienerischen Modekitsch. Schließlich wird der ahnungslose teutsche Tichter (so ist es mir thatsächlich ergangen) von Bierbaum{p57} & Cie. noch auf Herrn v. Wolzogen{p58}'s "Ueberbrettl" geschoben, während hinter den Coulissen sich Hermann Bahr{p59} ins Fäustchen lacht; der Teufel hole den "Humor davon"! –

Hierüber wird Ihnen übrigens Peter Behrens{p39}, der Sie nächstens besuchen will, noch ein besonderes Lied singen, das aber hoffentlich als Triumphgesang enden wird.

Eben kommt Frau Isi{p3}, um zu controliren, ob ich auch von ihr etwas geschrieben habe. Also: WRwltgruß von uns Beiden!

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K65 | kind: Brief | sheets: 4 | pages: 6 | paper: | other:

G.059-HGK.28-1901.03
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 27.06.1901

Berlin d. 27 Juni. 1901

Köthenerstraße 28.

Lieber Herr Dehmel

Ich war wieder einmal einige Monate verreist und fand erst dieser Tage Ihre freundlich Sendung [ Weib und Welt{p6-w48} ] vor. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, wie sehr ich mich darüber gefreut habe. Die Widmung habe ich verstanden und danke Ihnen für diese goldne Lebensregel, deren Verletzung mir ja in einem Fall recht viele unangenehme Stunden bereitet hat. Von sehr großem Interesse und Wert sind mir Ihre handschriftlichen Korrekturen gewesen; [2] Sie sind ein kleiner Kursus in der praktischen Mystik. Ich halte sie durchweg für Verbesserungen; die zur stillen Stadt und zu dem Gedicht "Alles" (S. 69) bereichern und erhöhen die Schönheit dieser beiden schon früher so prachtvollen Gedichte sogar bedeutend. Da Sie mir diese Korrekturen anvertraut haben, darf ich vielleicht selber auf einige Verse aufmerksam machen, bei denen mir eine Verbesserung oder Änderung denkbar scheint.

S. 47.

In diesen welken Tagen,
wo Alles u.s.w.

Mich stört diese etwas ungenaue Anwendung des wo statt des sprachlich richtigen [3] da (es handelt sich ja um zeitliche nicht örtliche Verhältnisse.) Ich gebe aber zu, daß vielleicht Klangrücksichten Sie geleitet haben können: die beiden aufeinanderstoßenden a da  Alles. Ich will deshalb auch nur diese Korrektur zur Erwägung stellen.

S. 53.

paßt mir Vers 2

der Schaum der salzigen Sturzwogen

nicht recht in den Rhythmus des Gedichts hinein. Oder lesen Sie ihn anders betont als ich und als die gewöhnliche Sprache betonen würde?

S. 58. Das Gedicht würde meiner Ansicht nach leichter zu lesen sein, wenn der zweite Vers in – – eingeschlossen würde, und ebenso die Stelle: – dicht, dicht an Deines mein Gesicht –

S. 79 mein stärkstes Bedenken. Sie schreiben "mit Jemand" (im drittletzten Vers.). Das stört mich stark. Ich halte es nicht einmal für Sprachdeutsch; ich wenigstens sage immer "mit Jemandem". Selbst wenn das "-dem" nur ganz leise nachklingt, so wirkt es eben doch als rhythmisches Element noch mit (wie das französische e muet), selbst beim Sprechen; so ein Fehler gerade in einem Verse wirkt auf mich deshalb geradezu peinlich.

Ein ähnliches, wenn auch weniger starkes Bedenken habe ich gegen "kletter" auf S. 119. Rhythmisch empfindet man dieses Wort doch selbst beim flüchtigsten Sprechen [4] als dreisilbig, als einen Daktylus, dessen zwei kurze Sylben allerdings sehr verkürzt sind. Aber deshalb bleibt das Gefühl für jedes Ohr, das auf solche Dinge achtet, doch daktylisch und wird nicht trochäisch. Überhaupt glaube ich, daß das Abschleifen eines Lauts beim Sprechen in der Mehrzahl der Fälle noch lange nicht eine rhythmische Verkürzung für das Gefühl zur Folge hat; so daß man a priori immer annehmen muß, daß dieses nicht der Fall ist, und sich daher sehr [5] eingehend vergewissern sollte, ehe man auch eine rhythmische Verkürzung annimmt. Das rhythmische Element der Sprache ist eben viel zäher als das lautliche. Das scheint mir ein durch die Sprachgeschichte bewiesenes Gesetz. Im Französischen hat es Jahrhunderte gedauert, bis gewisse lautliche Zusammenziehungen auch rhythmisch rezipiert wurden. Das e muet der Franzosen ist ein fast triviales Beispiel.

Ich würde aus diesem Grunde auch gegen Schuh flicken auf S. 105 protestieren, wenn hier nicht Sie doch (aber ich glaube, unbewußt) Recht hätten, nämlich [6] weil Schuh flicken hier nicht ein Verbum nebst Substantivum ist, sondern ein einziges Verbum, das sich die deutsche Sprache bildet: schuhflicken. Es sollte aber deshalb auch in einem Wort und klein geschrieben werden.

Auf S. 111 lege ich ein gutes Wort für die Jungfrau Maria ein, daß Sie ihr ein weniger bürgerliches Kleidungsstück als es das "Nachtgewand" ist, dedizieren mögen. Ich muß dabei an einen Witz aus einer niedlichen englischen Operette genre Mikado, die aber in China spielt, denken. Ein biederer Chinese, der gern den gentleman spielen möchte, setzt die Sitten des high life in London{o46} auseinander und erklärt unter Andrem, daß man in London{o46} nur im night dress ins Theater gehen könne; wo ihm dann die Korrektur zuteil wird, daß das betreffende Kleidungsstück nicht night dress (shocking) sondern evening dress heißt. Ich plaidiere nun allerdings nicht um einen Frack für die Madonna, aber doch um Etwas, das weniger starke Assoziationen wachruft, als ein Nachtgewand. Seien Sie mir bitte nicht über diesen Schulmeisterbrief böse, legen Sie mich der Frau Isi{p3} in Gnaden zu Füßen und nehmen Sie herzliche Grüße von

Ihrem dankbaren

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler; Maschinenabschrift im Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: D2535 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 8 | paper: | other: Stempel "RID"

G.060-RD.32-1901.04
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Heidelberg, 01.07.1901

Heidelberg, 1.7.1.

Neue Schloßstr. 18.

Lieber Herr Graf!

Meine Widmungsworte waren eigentlich mehr auf mich als auf Sie gespitzt. Aber da wir nun Beide peccavi gesagt haben, wollen wir uns doppelt unsrer Weis- und Thorheit freuen; schließlich ist ja jeder Conflict eine Fundgrube der Lebenslust.

Ihre kritischen Bemerkungen muß ich meist unterschreiben. Die Gedichte [Weib und Welt{p6-w48}] auf Seite 58 und 79 werde ich später (in meiner Gesamtausgabe) wol überhaupt cassiren. Trotzdem muß ich "mit [2] Jemand" verteidigen; die Verschluckung der Endungen im Dativ u. Accusativ ist bei diesem Wort (und noch mehr bei "Niemand") durch den Sprachgebrauch sanctionirt und kommt bei unsern besten Schriftstellern vor (siehe Sanders{p60}). Hier an dieser Stelle würde mir "mit Jemandem" aus psychologischen Günden viel zu correct sein, nicht wegwerfend genug. Aber wie gesagt: das ganze Gedicht ist nicht viel wert.

Bei der Mutter Maria machte mich Ihre Auffassung des "Nachtgewandes" zunächst ganz perplex; ich habe nämlich niemals an ein Hemd dabei gedacht, sondern an eine Art Mantel zum Schutz gegen die Nachtkühle (am Tage gehn ja die Seligen nackt). Aber bei näherem Zusehn muß ich Ihnen Recht geben: der häßliche Nebensinn liegt sehr nahe. Was aber dafür einsetzen? bloße Füllwörter hasse ich. Wie wäre: "von seiner Mutter früherm Gewande"? Die harte Dativform stört mich hier nicht; sie paßt in den gedrungenen Stil des Gedichtes, und außerdem drückt sie ja etwas seelisch Hartes aus, die Erinnerung an das frühere Erdenleben. Was meinen Sie dazu? – [3] Sie werden mir wahrscheinlich wieder das metrische Gefühl der Dreisilbigkeit einwenden; aber darin kann ich Ihnen nur teilweis Recht geben. Die deutsche Sprache hat die Tendenz zur Abwerfung der e-Endungen, nicht zur bloßen "Abschleifung", wie sie anderseits auch die willkürliche Anheftung von e-Endungen erlaubt. Es ist da nicht, wie im Französischen, ein blos phonetisches Entwicklungsgesetz maßgebend, sondern es treten psychomotorische Elemente hinzu. Daher wäre bei uns eine metrische Convention, wie die auf dem "e muet" beruhende, ganz unmöglich, sondern es hängt völlig vom Feingefühl des Einzelnen ab, wie mit dem fraglichen e bei dem jeweiligen Entwicklungszustand der Sprache zu schalten ist; da wird man aber wol den Dichtern (wenigstens einigen!) das feinste Gefühl zutrauen dürfen, weil sie doch schon die Wirkung ihrer Sprache auf die Zukunft im Ohre haben. Bei "Kletter" z.B. (Seite 119) höre ich durchaus keine dritte Silbe und behaupte sogar, daß nur ein verbildetes Sprachgefühl hier noch ein e im Stillen zusetzt. Denn "Kletter" ist hier Imperativ, und im Wesen der Befehls [4] form liegt es, so kurz wie möglich zu sein. Lediglich des Wohllauts wegen erlaubt unsre Sprache, ein e anzuhängen, erfordert es aber nicht; ja, bei den Verben mit starker Flection (also mit Umlaut im Präteritum) ist die e-Anhängung im Grunde sogar ein Fehler, den die lebendige Sprache (der Volksmund) nicht kennt und der sich erst in unserm wenig imperativischen Zeitalter von den schwach flectirenden Verben her ins Buchdeutsch eingeschlichen hat. Eine ganz besondere Stellung nehmen nun aber noch die Verba ein, die zwar schwach flectiren, aber als Stamm-Endung eine Liquida haben, wie eben klettern oder z.B. betteln, begegnen. Da nimmt der halb vokalische Consonant ohne weiteres, schon aus rein physiologischen Gründen, das dumpfe e in sich auf. Das Buchdeutsch hat sich hier sogar an dem starken Stamm-e vergriffen, zu Gunsten der unsinnlichen (logischen) Endungen, und so hat man sich in der gebildeten Welt allmählich daran gewöhnt, "klettre, bettle" u.s.w. zu sagen; bei "begegnen (regnen, segnen)" schon im Infinitiv (eigentlich begegen-en" etc). Das Volk aber ist dem Stammwort treuer geblieben, und in der lebendigen Sprache hört man [5] niemals das Endungs-e beim Imperativ; selbst der gebildete Mensch sagt in Fällen der unwillkürlichen Erregtheit: bettel nicht! Das Volk sagt sogar im Präsens: ich kletter, ich bettel nicht (also nicht etwa blos in Hiatus-Fällen) – und sogar bei den Verben mit Stammendung "en", die im Infinitiv schon ganz zu "n" verknorpelt sind, hört man noch heute (wie zu Luthers{p121} Zeiten geschrieben und gedruckt wurde) in der Umgangssprache deutlich: es regent, er begegente mir. Hiernach werden Sie mir wol zugestehen, daß im poetischen Rhythmus nach keiner Sprachregel, sondern einzig nach der psychischen Accentuation (zur Nüancierung des momentanen Affectes) mit diesem e zu verfahren ist.

Ich hatte bei Ihrem Einwand überhaupt den Eindruck, als hielten Sie poetischen Rhythmus und technisches Metrum nicht genügend auseinander. Beides kann sich ja [6] häufig decken, muß es aber durchaus nicht; ja, die eigentliche Lebendigkeit der "gebundenen Form" beruht gradezu auf dem Widerstreit dieser beiden Elemente. Die Sturzwogen-Zeile auf Seite 53 z.B. fällt fraglos aus dem Metrum des Gedichtes heraus, aber der Rhythmus des Gedichtes hebt sie gradezu auf seinen Höhepunkt, denn dieser hängt in der Schwebe zwischen dem schwankenden Tanz des sturmbewegten Bootes und dem siegessicheren Schwingenschlag der stürmischen Liebeswerbung. Die deutsche Sprache erlaubt zum Glück dem Dichter oftmals dieses contrastiv harmonische, sozusagen contrapunktische Wirkungsmittel, das im Altgriechischen gradezu grundlegendes Princip der Versform war. Der metrische Accent war da bekanntlich grundverschieden vom Accent der lebendigen Sprache, der immer und ewig (im ganzen Satzbau wie in einzelnen Wendungen) Träger des Rhythmus war und sein wird; das Metrum war eben lediglich sinnfälliger Ausdruck für die geistige Bändigung der Affekte durch den Künstler, und da es immerfort [7] und immer anders vom affectiven Rhythmus des lebendigen Sprachaccentes durchbrochen wurde, kam eben dadurch die wunderbare Harmonie zwischen äußerer Kälte (Ruhe) und innerer Glut (Bewegtheit) zustande, die aller griechischen Kunst eigentümlich ist. Wenn heute technologische Fanatiker wie Arno Holz{p35} und Stefan George{p61} jedes der beiden Elemente nach ihrem Extrem hin übertreiben, also entweder nur den affectiven – oder gar blos sensitiven – Rhythmus (Holz{p35}) oder aber nur die metrische  Congruenz  mit dem Rhythmus (George{p61}) als Formprinzip gelten lassen wollen, so erlaubt die deutsche Sprache zwar Beides, aber man raubt ihr damit eine ihrer reichhaltigsten Wirkungsmöglichkeiten. Ich verbreite mich über dies alles so ausführlich, weil ich glaube, daß grade meine eigentümlichsten Schönheiten auf jenem – wie ich es nannte – contrapunctischen Ausdrucksmittel beruhen; auf den ersten Blick sieht es dann leicht so aus, als sprenge mein Inhalt die Form, während bei nä [8] herem Zusehn die höchste Formerfüllung daraus spricht. Natürlich sind dies Kunstgriffe, die der naive Instinkt mir dictirte; aber meines Erachtens hat der Künstler die Pflicht, sich nachträglich  über seine Wirkungsmittel klar zu werden, weil nur so (durch Rückwirkung auf das "Unbewußte", richtiger gesagt: Unwillkürliche) seine Ausdrucksfähigkeiten sich steigern. Ich bin nämlich garnicht der Meinung, daß die Bedeutung eines Künstlers in seiner sogenannten Unbewußtheit (Naivetät) zu suchen ist, sondern grade im Umfang seines Bewußtseins und immer bewußteren Seins und Werdens. An Naivetät ist jeder Ochse dem größten Genius überlegen! -

Jetzt aber Schluß und nur noch die Frage: wird Ihre Zeit nicht erlauben, daß wir einmal mündlich über die "Zwei Menschen{p6-w10}" reden? Ihr Brief zum I. Teil liegt immer noch in meiner Mscripten-Mappe. Aus der "Insel" haben Sie vielleicht ersehen, daß ich Ihre meisten Einwürfe berücksichtigt habe; über einige aber müßte ich mich genauer mit Ihnen auseinandersetzen, als es brieflich möglich ist. Inzwischen hat die "Insel" auch den II. Teil abgedruckt, und ich würde sehr gern Ihre Meinung darüber hören, bevor ich den dritten druckfertig mache. Kommen Sie nicht einmal nach Darmstadt{o47}? Das Haus von Peter Behrens{p39} ist die Reise wirklich wert.

Mit doppeltem Gruß

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler; Abschrift: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: D2536 | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.061-RD.33-1901.05
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Heidelberg, 03.07.1901

Ich vergaß noch, die kritisirte Stelle "In diesen welken Tagen [Weib und Welt{p6-w48}] , wo Alles bald zu Ende ist" zu erörtern. Es ist nichts als ein weitverbreiteter Irrtum, daß "wo" ursprünglich nur räumliche Bedeutung habe; vielmehr bezeichnet es Ort wie Zeit. (vgl. Sanders{p60}.) "Zur Zeit, da" ist lediglich Schriftdeutsch; das Volk sagt ausschließlich "jetzt, wo ich weiß" u. ähnl. An der critirten Stelle kommt außerdem noch der Wohlklang hinzu, doch war er mir nicht ausschlaggebend.

R.D.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K66 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other: Auf dem ersten Blatt ist nochmals das Datum mit "3.7.1901." vermerkt worden. Wahrscheinlich von Dehmel.

G.062-HGK.29-1901.06
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 03.07.1901

Lieber Herr Dehmel

Ihren so tief interessanten Brief beantworte ich im Allgemeinen in den nächsten Tagen. Heute nur einen Punkt. Warum nicht auf S. 111 [Weib und Welt{p6-w48}] von seiner Mutter Erdengewand. Das drückt doch das aus, was Sie sagen wollen, wenn ich Sie richtig verstehe? "früherm" ist mir ein [2] wenig Vorstellungsarm; die Phantasie geht davon hungrig aus.

Herzlichen "Doppelgruß" in Erwiderung auf

Ihren und Fortsetzung folgt.

Ihr

Kessler

d. 3. VII. 1901.

Poetisch hätte ich an der Stelle lieber Sternengewand gehabt. Ich fürchte aber, daß das nicht das ausdrückt, was Sie sagen wollen und wo der ganz hübsche Versus im [3] Widerspruch zum Anfang des Gedichts Jesus konstruiert werden könnte, wo die Madonna unbekleidet ist. "Sternengewand" drückt aber das aus, was ich mir bei Nachtgewand zu denken versuchte. Und in der That ist ja das blaue Kleid der Madonna nichts Andres als der Himmelsmantel; so dachten es sich die mittelalterlichen Symboliker bekanntlich

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 3 | paper: | other: Stempel "RID"

G.063-RD.34-1901.07
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Heidelberg, 23.09.1901

Heidelberg{o48}, 23.9.1.

Lieber Herr Graf!

Hier schicke ich Ihnen mit herzlichem Dank und nach einträglicher Nutznießung die Inselhefte zurück.

Nächsten Freitag gedenken wir Heidelberg{o48} zu verlassen. Könnten Sie mir bis dahin vielleicht noch die Adresse von Minne{p62} mit [2] teilen? Und ob er deutsch spricht? Mein Französisch reicht für tiefergehende Gespräche nicht aus.

Wenn Sie mit Van de Velde{p13} wegen der Wohnungseinrichtung schon gesprochen haben, schreiben Sir mir wol auch gleich darüber. Sonst bitte ich um Bescheid nach London{o46} (poste restante, General Post Office). Ich bin natürlich einigermaßen neugierig darauf.

[3] Nun möchte ich Ihnen gern noch sagen, welche Freude Sie uns mit Ihrem Besuch gemacht haben. Aber Sie werden's schon selbst gemerkt haben.

In der Hoffnung auf baldiges Wiedersehn

mit unsern allerbesten Grüßen

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 4 | paper: | other:

G.064-RD.35-1901.08
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Blankenese, 04.11.1901

Blankenese{o49} b/Hamburg{o50}, 4.11.1.

Lieber Herr Graf!

Wie Sie aus der beiliegenden Urkunde [Richard Dehmel und Ida Auerbach{p3} heiraten am 22. Oktober 1901 in London{o46}.] ersehen, sind wir von unsrer Londoner{o46} Reise zurück, und da ich noch immer kein Lebenszeichen von Ihnen vorfand, muß ich mir endlich eins ausbitten. Wegen van de Velde{p13} ist es nicht mehr nötig; die [2] Umstände waren hier so, daß wir unsre künftigen Möbel, um einstweilen fertige zu bekommen, einem Hamburger, übrigens sehr tüchtigen Fabrikanten in Auftrag geben mußten. Aber ich möchte Näheres über die von Ihnen vorgeschlagene Reise zu Frau Förster-Nietzsche{p63} mit Ihnen verabreden. Wie ich Ihnen schon in Heidelberg{o48} sagte, muß ich am 9. Dezbr. in Dresden{o4} sein. Von dort aus [3] wollen wir (meine Frau{p3} begleitet mich) Klinger{p64} besuchen, und es wäre mir sehr angenehm, wenn wir auch die Reise nach Weimar{o51} damit verbinden könnten. Sonst nämlich würde es mir in diesem Winter überhaupt nicht möglich sein, Frau F.-N.{p63} zu besuchen. Und da der Besuch sich ohne Ihre persönliche Einführung wol nicht gut arrangiren läßt, [4] so frage ich kurz heraus, ob es Ihre Zeit erlaubt, uns am 7. oder 8. Dezbr. nach Dresden{o4}, Leipzig{o52} u. Weimar{o51} zu begleiten.

Mit unsern ergebensten Grüßen

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K67 | kind: Brief | sheets: 3 | pages: 5 | paper: | other: Auf dem ersten Blatt ist nochmals das Datum mit "9. XI. 1901" vermerkt worden. Wahrscheinlich von Dehmel.

G.065-HGK.30-1901.09
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 09.11.1901

Lieber Herr Dehmel

Zunächst Ihnen und der Frau Isi{p3} meine wärmsten Glückwünsche; mögen Sie wie die Ehepaare im Märchen immerdar glücklich leben. Ich bedaure nur, daß dieses nicht in einer Vande Velde{p13}schen Umgebung vor sich geht. Die Schuld liegt aber nur sehr zum Teil an mir. Ob VandeVelde{p13} für 7000 M. die Einrichtung schaffen könnte, hieng nämlich davon ab, [2] ob es, wie er wollte und jetzt auch seit drei Tagen durchgesetzt hat, seinen Kontrakt mit Hirschwald{p65} würde lösen können. Er hatte sich zwar auch ohnedem bereit erklärt; ich glaubte aber nicht, daß es mit Hirschwalds{p65} Dazwischenkunft wirklich bei 7000 geblieben wäre, und habe deshalb lieber warten wollen, bis die Lösungsverhandlungen Erfolg gehabt hatten. Dieser sollte immer in den allernächsten Tagen eintreten; und so hat sich denn die Sache zwei Monate lang hingezogen. Jetzt könnte Van de Velde{p13}; nun sind aber Sie wieder nicht mehr bereit. Ich bedaure [3] das für beide Teile und namentlich für Frau Isi{p3} sehr. Ihr Projekt mit Weimar{o51} leuchtet mir sehr ein. Ich werde voraussichtlich gerade in der Zeit amtlich in Weimar zu thun haben beim Großherzog{p66} und müßte Sie allerdings bitten, Ihr Dortsein möglichst in diese mir vom dortigen Hof vorgeschriebnen Tage fallen zu lassen; denn ich könnte aus bestimmten Gründen nicht gut unmittelbar vor- oder nachher wieder in Weimar{o51} erscheinen. Da Sie aber ja ohnehin auch nach Dresden{o4} und Leipzig{o52} wollen, so läßt sich hoffentlich Ihre Reise so schieben, daß wir in Weimar{o51} und auch in Leipzig{o52} zusammensind. Frau Förster{p63} wird sich gewiß sehr über Ihren Besuch freuen. Sie hat mir gerade vor wenigen Tagen, als ich schon einmal zum Großherzog{p66} dort war, mit warmem Empfinden von Ihnen und Ihren Dichtungen gesprochen. – Und nun das Wichtigste: Ihre Ausgewählten Gedichte{p6-w31}. Ich bin sehr undankbar gewesen, daß ich Ihnen nicht gleich dafür gedankt habe. Aber es war so ein zeitloses Ereignis, daß mir dabei der Gedanke, sofort zu Antworten garnicht gekommen ist. Sie sind ja eine Art von Memoiren; so empfinde ich wenigstens die Zusammenstellung; und dadurch etwas so abgeschlossenes wie von einem bereits Toten und in Walhall (nicht aber das fürchterliche Regensburg{o53}ische, bitte) Eingegangenen. Ich bitte also, meine Unhöflichkeit als Kompliment aufzufassen, und werde Ihnen im [4] Übrigen keines mehr machen. Im Gegenteil, ich füge gleich hinzu, daß was für uns, die wir Sie schon kannten, ein Vorzug dieser Auswahl ist, ihr für ihren eigentlichen Zweck zum Nachteil gereichen muß. Sie haben Vieles ausgelassen, das Ihnen neue Freunde hätte gewinnen können, und Einiges aufgenommen, das zu den für die VielzuVielen, die das Buch doch kaufen sollen, am schwersten Verständlichen gehört. Ceterum censeo, Sie müssen noch eine zweite Auswahl für das Publikum machen. – Schließlich noch ein Gedanke. Auf S. 96 u 99 nennen Sie die Mitleidsgöttin Eleosyne. Wie kommen Sie eigentlich zu dieser Bildung? Das Mitleid heißt auf griechisch ελεημοσυνη. Ich hätte also gemeint, [5] daß die Göttin ebenfalls Elemosyne hätte heißen sollen. Aber vielleicht können Sie mich wieder glänzend widerlegen.

Mit herzlichem Gruß

Ihr

Harry Kessler.

Berlin{o2} den 9. XI. 1901

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 3 | paper: | other: Stempel "RID"

G.066-RD.36-1901.10
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Blankenese, 11.11.1901

Blankenense{o49} b/Hamburg{o50}, 11.11.1.

Lieber Herr Graf!

Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Glückwünsche und Ihre ausführlichen Nachrichten. Daß wir so auf den letzten Zug den Anschluß an Van de Velde{p13} versäumt haben, ist freilich sehr schade. Aber ich hoffe, daß uns mein Möbelfabrikant (ich habe ihm Alles ganz genau vorgeschrieben und er zeigte Verständnis) etwas im [2] merhin Anständiges liefern wird, und hoffentlich überzeugen auch Sie und Van de Velde{p13} sich bald einmal davon, d.h. erst nach Weihnachten, denn vorläufig sieht's noch wühscht bei uns aus.

Wenn es uns nur nicht auch mit Weimar{o51} so échappirlich ergeht! Ich kann nämlich frühestens am 6. Dezbr. hier weg, muß am 9ten in Dresden{o4} vorlesen und spätestens am 15ten wieder hier sein. Am 7ten und 8ten habe ich unumgänglich in Berlin{o2} zu thun, am 10ten will ich Klinger{p64} besuchen; also würde ich nur den 11ten oder 12ten höchstens noch den 13ten Dezbr. für [3] Weimar{o51} frei haben. Sonst müßte leider der Besuch ins nächste Jahr verschoben werden. Ich bitte um Nachricht, ob wir Sie am 7ten oder 8ten in Berlin{o2} antreffen; dann können wir uns ja mündlich entscheiden.

Mit der armen Elemosyne werden Sie wol leider Recht haben. Ich kannte nur das Neutrum ελεος für "Mitleid" und bildete mir daraus selbst ein feminines Derivat. Daß die Griechen schon vom Verbum (ελεεινω) eins abgeleitet hatten, war mir nicht mehr oder nur noch als "Glockenläuten" in Erinnerung. Natürlich werde ich den Fehler bei nächster Gelegenheit verbessern.

Mit herzlichem Dank

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K68 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.067-HGK.31-1907.11
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 12.11.1901

Berlin{o2} den 12. XI 1901.

Lieber Herr Dehmel

Ich freue mich ganz außerordentlich auf die Aussicht, Sie am 7ten und 8ten in Berlin{o2} zu sehen; empfinde bei dieser Freude aber einen etwas bitteren Beigeschmack, da mir die Sache doch noch durch meine Geschäfte in Weimar{o51} verdorben werden kann. Sollte mein Pech es so [2] haben wollen, daß ich gerade für diese Tage zum Großherzog [ Wilhelm Ernst{p66} ] berufen würde, so könnte ich wegen sehr bedeutsamer Entscheidungen, die in Frage kommen, nicht Neinsagen. Das Unglück ist, daß ich das im voraus garnicht wissen kann, da der junge Herr [ Wilhelm Ernst{p66} ] mit seinen Reisen und Entschlüssen sehr plötzlich ist. Ich werde aber versuchen, die Sache so zu lenken, daß ich zwischen dem 11 und 13ten hinbefohlen werde. [3] Dann kann ich wenigstens bei Frau Förster{p63} mit dabeisein und hoffentlich auch Ihre weiteren Reise Pläne mitmachen. In Berlin{o2}, sehen Sie hoffentlich während der zwei Tage meinen Winkel als Ihr Absteigequartier an, wenigstens was die Mahlzeiten betrifft. Logis habe ich ja leider nicht anzubieten. Nach Weihnachten also hoffe ich Sie in Ihrem Heim aufsuchen zu dürfen.

Bitte mich der Frau Isi{p3} zu Gnaden empfehlen zu wollen. Mit bestem Gruß

Ihr

Kessler.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K69 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other: Dehmel notiert das Datum mit "Ende Nov. 1901"

G.068-HGK.32-1901.12
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, [30.11.1901]

Lieber Herr Dehmel

Herzlichen Dank für den neuen Fitzebutze{p54-w28}, der eine entschiedene Verbesserung gegenüber dem alten bedeutet. Das Haselnußblatt ist eins der besten von Kreidolf{p22}; die Umstellungen scheinen mir durchaus richtig; nur daß der Fitzbutze sein gelbes Kleid gegen rosa ver [2] tauscht hat bedaure ich. Sehr richtig ist die Änderung S. 24/25; ich meine die Verkleinerung des Schaukelpferdes; so richtig, daß ich den Verdacht habe, ein Kind muß die Anregung dazu gegeben haben. Auch die Farben sind wohl etwas frischer geworden. Vielleicht verbannt Kreidolf{p22} später einmal die trüben Mischtöne ganz. Dann wäre er mein Mann; d.h. für den Fitzebutze{p54-w28}. Seine schlafenden Bäume{p22-w74} goutiere ich weniger. – Und nun zu unsrem Zusammentreffen. Ich fahre heute Abend nach Madrid{o54}, bin aber [3] in 10 Tagen wieder hier, also spätestens, wie ich hoffe, am Dienstag über 8 Tage. Ich werde dann sehen, daß ich meinen Aufenthalt in Weimar{o51} nach dem Ihrigen richte; es müßte schon ein direkter "Befehl" des Großherzogs [ Wilhelm Ernst{p66} ] mich treffen.

Also auf baldiges Wiedersehn, bis wohin ich bitte, mich der Frau Isi{p3} empfehlen zu wollen.

Ihr

Kessler

Briefe werden mir von hier nachgeschickt.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K70 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.069-HGK.33-1901.13
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 05.12.1901

Lieber Herr Dehmel

Bitte, wenn es Ihnen ebensogut paßt, um 7, da ich um 1/2 6 eine notwendige und möglicherweise lange Unterredung habe. Ich freue mich ganz außerordentlich.

Mit der Bitte, mich der Frau Isi{p3} bestens empfehlen zu wollen

Ihr

Kessler

d. 5. XII. 901.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K71 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.070-HGK.34-1902.01
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Paris, 02.01.1902

Folge morgen frimdlicher eintadum bitte hambourger hof nachricht zeit

kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K72 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.071-HGK.35-1902.02
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Paris, 03.01.1902

Reise durch heftiges unwohlsein verhindert. Bitte mich zu entschuldigen. Herzlichen stuckwunsch frau Isi{p3}.

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler; Abschrift: Dehmel Archiv Hamburg, Signatur: D2537 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other: Stempel "RID"

G.072-RD.37-1902.03
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Blankenese, 22.01.1902

Blankenese{o49} b/Hamburg{o50}, 22.1.2.

Lieber Herr Graf!

Ich hoffe, daß Sie wieder völlig hergestellt sind. Ich bin jetzt dabei, die beiden ersten Teile der "Zwei Menschen{p6-w10}" nach Ihren Notizen durchzufeilen. In der 6ten Romanze des I. Teils ("Weihnachtsglanz") habe ich die unklare Stelle in folgenden Wortlaut abgeändert:

Ich kann zu keinem Gott mehr beten
als dem in dein-und-meiner Brust;
und an die Gottsucht der Propheten
[2] denk' ich mit Schrecken statt mit kindischer Lust.
Es war nicht Gott, womit sie nächtlich rangen:
es war das Tier in ihnen: qualbefangen
erlag's dem ringenden Menschengeist!
O Weihnachtsbaum – oh wie sein Schimmer,
sein paradiesisches Geflimmer.
u.s.w. u.s.w.

Ist nun der Zusammenhang klar?? –

Mit allen Grüßen

Ihr D.

P.S. Schade, daß Sie nicht kommen konnten. Ich hatte Bilder (ausgetuschte Holzschnitte) von einem jungen deutschen Künstler hier, den Sie gewiß noch nicht kennen. Wunder von Lieblichkeit! Thoma{p69} und Renoir{p68} in Einem! Womit ich notabene "nur" eine psychische, keine artificielle Formel sagen will! Eins von den Bildern – wenn Sie mal kommen – besitzen wir noch.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K73 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.073-HGK.36-1902.04
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 23.01.1902

23. I. 1902.

Lieber Herr Dehmel

Wenn ich auch noch immer mit den Nachwehen meines Leberleidens zu thun habe, so bin ich doch wenigstens wieder hier und hoffe, im Frühjahr auch von Ihrer so freundlichen Einladung Gebrauch zu machen. Die Umdichtung [ Zwei Menschen{p6-w10} ] scheint mir sehr gelungen. Die Stelle hat an Deutlichkeit und auch an Tiefe [2] sehr gewonnen. Ich halte es jetzt für unmöglich, Sie miszuverstehen. Eine  Änderung wäre mir noch lieb; wenn Sie nämlich das Wort "kindischer" im Verse "denk ich mit Schrecken etc" fortließen. Es stört mich rhythmisch; der Vers:

denk ich mit Schrecken statt mit Lust

ist wuchtiger und paßt auch besser in den Gesamtaufbau des Rhythmus, für mein Ohr wenigstens. Außerdem [3] misfällt mir noch immer das Wort "kindischer"; ich würde hier höchstens "kindlicher" ertragen. Bei kindisch denke ich an einen Greis oder an ein schreiendes Bäby, nicht aber an ein Märchen glaubendes, mit großen erstaunten Augen dreinblickendes Kind. Der Gefühlston des Werks ist ein ganz andrer; die Mischung, die Sie wollen, (wie ich wenigstens annehmen will) ist mit der Ingredienz "kindischer" nicht erreicht. Aber, wie gesagt, entscheidend ist für mich der rhythmische Grund auch gegen "kindlicher". Van de Velde{p13} will Ihnen und der Frau Isi{p3} bei einem demnächstigen Aufenthalt in Hamburg{o50} seine Aufwartung machen; er dankt sehr für die Einladung. Daß er nun wirklich nach Weimar{o51} berufen ist, werden Sie gehört haben.

Mit den besten Grüßen, die ich auch der Frau Isi{p3} auszurichten bitte,

Ihr

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler; Abschrift: Dehmel Archiv Hamburg, Signatur: D2538 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.074-RD.38-1902.05
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Blankenese, 24.01.1902

24. 1. 2.

Lieber Herr Graf!

Mit dem "Leberleiden" ist es hoffentlich nicht so schlimm. Das Wort ist mir aber so an die Nieren gegangen, daß ich gleich einen Cognac auf Ihr Wohl getrunken habe; sobald Sie gesund sind, müssen Sie mir Bescheid thun. "Kindisch" habe ich gestrichen; zum Streichen bin ich immer gern bereit. Auf Van de Veldens{p13} Besuch freue ich mich recht. Ich bat ihn eben um rechtzeitige Anmeldung, damit ich ihn vom Bahnhof abholen könne, und auch Sie bitte ich darum für den Fall Ihres Besuches; unser Haus ist ziemlich schwer zu finden. Inzwischen habe ich noch eine Bitte: haben Sie noch ein "Mexico{p1-w1}" für mich übrig? Ihr Dedicationsexemplar ist mir – "per tot discrimina rerum" – abhanden gekommen, ich ahne nicht wie und wo, und meine Frau{p3} läßt mir nun keine Ruhe, ich soll Sie um ein neues bitten. Und obendrein hat auch ein unbemittelter Künstler (E.R. Weiß{p70} in Karlsruhe{o55}) bei mir angefragt, ob [2] er das Buch [ Notizen über Mexico{p1-w1} ] nicht von Ihnen im Austausch gegen irgendeinen seiner graphischen Drucke bekommen könne. Wenn Ihnen das recht ist, werde ich Weiß{p70} veranlassen, einige Blätter zur Auswahl an Sie zu schicken; er hat ein paar sehr intressante Experimente darunter.

Meine Frau{p3} aber ruft mir schon zum zweiten Mal aus dem Nebenzimmer zu: "aber mein Exemplar geht natürlich vor!" – Ich hoffe, Sie werden mich nicht für gar zu anspruchsvoll halten, und bitte um einfache Ablehnung, wenn mein Wunsch Ihnen ungeahnte Mühe machen sollte.

Sans phrase

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K74 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.075-HGK.37-1902.06
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 29.01.1902

29. I. 1912

Lieber Herr Dehmel

Ihre fortdauernde Erinnerung an mein Mexico{p1-w1} hat mich so begeistert, daß ich, wie Sie beim Aufschlagen des Ihnen zugedachten Exemplars sehen werden, in eine Art von Versen ausgebrochen bin, die Sie mir aber bitte nicht übelnehmen wollen. Ich [2] beabsichtige nicht, in den Chor Ihrer niedergeschätzten Collegen einzutreten. Herrn Weiß{p70} bin ich noch ein Buch schuldig, da er so freundlich war, mir das seinige im vorigen Jahr zu übersenden; ich freue mich sehr, ihm diese Schuld abtragen zu können, und hätte es schon längst gethan, wenn ich es nicht für unbescheiden gehalten hätte, auf sein Gedicht und Holzschnittbuch{p70-w34} [3] mit meinem Mexico{p1-w1} zu erwidern. Die Fortschritte Ihrer Zwei Menschen{p6-w10} sind hoffentlich nicht auf Korrekturen beschränkt. Ich brenne auf den Moment, wo das Buch herauskommt.

Mit einem herzlichen Gruß, den ich auch der Frau Isi{p3} in Gnaden zu übermitteln bitte,

Ihr

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.076-RD.39-1902.07
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Blankenese, 30.01.1902

Hier oben wohnen wir.

Unsern herzlichsten Dank!

Ihr D.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K75 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.077-HGK.38-1902.08
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - London, 21.02.1902

London{o46}. d. 21. II. 1902.

Lieber Herr Dehmel

Beifolgend geht das Faksimile eines alten kleinen englischen Kinderbuchs an Sie ab, das mich sehr ergötzt hat, und das Sie, wie ich glaube, auch mehr erfreuen wird als wahrscheinlich die späteren von Crane{p41} und Kate Greenaway{p72}, die Ihnen wohl nicht genug Humor und "Erfindung" haben. Beide Eigenschaften [2] finde ich in diesem in kostbarerer Weise vereinigt, und ich hoffe, daß sie Ihnen und der Frau Isi{p3} auch etwas von der Freude machen, die ich daran gehabt habe. Ich bin nur auf wenige Tage hier und in der nächsten Woche wieder in Berlin.

Mit dem besten Gruß auch an Frau Isi{p3}

Ihr

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K76 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.078-HGK.39-1902.09
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 29.04.1902

29. IV. 1902.

Lieber Herr Dehmel

Für das freundlich übersandte Gedicht und die noch liebenswürdigere Ansage danke ich Ihnen herzlich. Ich habe mit der Antwort gewartet, weil ich im Begriff bin, nach Paris{o1} zu reisen, und nicht wußte, wie lange ich fortbleibe. Ich hoffe jetzt aber sehr, am 20ten [2] wieder hierzusein. Vielleicht erlauben Sie mir, Ihnen etwa am 17ten oder 18ten zu telegraphieren, wenn nicht schon vorher. Ich würde mich so sehr freuen, Sie nicht zu verfehlen. Meine Adresse in Paris{o1} ist: 19 boulevard Montmorency.

Mit der Bitte, mich der Frau Isi{p3} zu Gnaden zu empfehlen und den besten Grüßen

Ihr ergebenster

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K77 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.079-HGK.40-1902.10
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Paris, 07.05.1902

Bin leider hier noch unabkömmlich hoffe Sie aber anfang Juni, Hamburg{o50} besuchen zu können

Besten Gruß.

fröhliche Pfingsten

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K78 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.080-HGK.41-1902.11
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 10.06.1902

Herzlichen Glückwunsch zur Vollendung des schon als Torso gewaltigen Werks. [ Zwei Menschen{p6-w10} ] Werde Mutzenbacher{p77} sprechen. Hoffe selber kommen zu können

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K79 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.081-HGK.42-1902.12
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - London, 02.10.1902

2. X. 1902.

Lieber Herr Dehmel

Mit dem "Überschütten" ist es nicht so schlimm, hoffentlich; aber Sie müssen sich schon auch heute wieder ein Buch gefallen lassen; Kipling{p73}'s eben erschienenen Kindergeschichten [ Just so stories{p73-w36} ] , die eine so merkwürdige Verwandschaft [2] mit Ihrem [ Maulwurf Märchen{p6-w70} ] haben, daß künftige Philologen sicher von "Beeinflußungen" und sonstigen Begriffsungeheuern reden werden. Frau Isi{p3} sieht vielleicht die Geschichten durch und sagt Ihnen, welche Sie am lesenswertesten findet. Die Illustrationen [3] sind auch von Kipling{p73} und ganz amüsant barock, wie mir scheint, wenn auch Nichts für Kinder; die Geschichten dagegen in der Form (Wortklang und Plastik) und zum Teil auch im Inhalt ganz vorzüglich. Das andre Buch habe ich Ihnen hauptsächlich geschickt, um Ihnen Fitzebutzes{p54-w28} englischen Vetter, den kleinen gelben Hampelmann, vorzustellen. Hoffentlich erfüllt sich mein Wunsch, im Herbst Sie in Hamburg{o50} zu besuchen. Mitte Oktober bin ich wieder, aber über Paris{o1}, in Deutschland. Briefe erreichen mich nach wie vor über Berlin{o2}.

Mit der Bitte, mich der Frau Isi{p3} zu Gnaden zu empfehlen, und vielen Grüßen

Ihr

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K80 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.082-HGK.43-1902.13
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - London, 10.10.1902

10.X.1902.

Lieber Herr Doctor

Leider nein! Ich werde am 15ten noch nicht wieder in Berlin{o2} sein, sondern erst nach dem 20ten; aber ich hoffe doch, Sie in nicht allzuferner Zeit zu sehen. Ich fahre Sonntag nach Paris{o1} [2] und bleibe dort acht Tage, dann heim

Die besten Grüsse und Dank für Ihre freundliche Ansage sendet Ihnen und der Frau Isi{p3}

Ihr ergebenster

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K81 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.083-HGK.44-1903.01
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 01.02.1903

1. II. 1903.

Lieber Herr Dehmel

Leider werde ich nicht zu allen drei Vorlesungen nach Hamburg{o50} kommen können, hoffe aber bestimmt, daß ich der letzten am Freitag bewohnen kann. Ich bin auf den dritten Teil unendlich gespannt. Darf ich Sie fragen, wie ich mir eine Eintrittskarte verschaffen kann und wo die Vorlesung [2] stattfindet. Ich freue mich auch aus ganzem Herzen, Sie wiederzusehen nach so langer Zeit. Der Frau Isi{p3} darf ich dann wohl auch meine offizielle Aufwartung machen?

Mit herzlichem Gruss

Ihr

Kessler.

Köthenerstr. 28.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other: Stempel "RID"

G.084-RD.40-1903.02
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Blankenese, 02.02.1903

Blankenese{o49}, 2.2.3.

Lieber Herr Graf!

Aus den beiliegenden Karten ersehen Sie alles Nähere. Bitte, schreiben Sie mir eine Zeile, ob wir Sie Sonnabend zu Tisch (2 Uhr) erwarten dürfen und ob Sie vielleicht auch schon Freitag Nachmittag [2] zu uns herauskommen. Auf alle Fälle werden Sie Freitag Abend mein willkommenster Zuhörer sein.

Mit unsern besten Grüßen

auf Wiedersehn

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K82 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.085-HGK.45-1903.03
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Weimar, 04.02.1903

komme sonnabend gern. bin freitag nachmittag hamburg{o50} adresse hamburger hof. besten dank und gruss auch an frau isi

kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K83 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.086-HGK.46-1903.04
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 05.02.1903

Bin leider unerwartet gezwungen schon sonnabend früh wieder abzureisen, darf ich sie morgen nachmittag gegen vier in blankenese{o49} besuchen bitte antwort hamburger hof hamburg{o50}

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 3 | paper: | other: Stempel "RID"; Der Brief ist mit Bleistift datiert auf "31/III 04. P."

G.087-ID.01-1904.01
Ida Dehmel an Harry Graf Kessler - Blankenese, [31.]03.1904

Blankenese{o49} b. Hamburg{o50}.

Parkstraße

März 1904.

Dethlef von Liliencron{p2} feiert demnächst seinen 60ten Geburtstag. Ich fordere alle Kunstfreunde auf, eine Ehrengabe beizusteuern, die ihm an diesem Tag überreicht werden soll. Den Empfänger dieses Aufrufs bitte ich mein Unternehmen zu fördern, indem er sich und seine Spende in das nachstehende Verzeichnis einträgt, die betr. Summe mir zuschickt, die Liste aber an einen Kunstfreund weiterreicht. Dieser zeichnet sich ebenfalls ein, schickt seine Gabe mir, die Liste einem Kunstfreund etc. [2] Sobald die Sammlung geschlossen ist, erhält jeder Beitragende als Quittung ein Verzeichnis sämtlicher Gaben. Durch die Zeitungen soll von dieser Schenkung nichts in die Öffentlichkeit kommen. Sollte ein Empfänger dieses Aufrufs nicht geneigt sein mitzuwirken, so bitte ich ihn, mir mein Schreiben zurückzuschicken.

Frau Richard Dehmel.
[3]

Gabenlisten I bis IV
enthalten von 78 Gaebern zusammen Mk. 4000.
Gabenliste V:
Professor Max Liebermann{p81}, Berlin{o2} Mk. 100
Professor Hans Thoma{p69}, Karlsruhe{o55}, Mk. 60
Frau Elisabeth Förster-Nietzsche{p63}, Weimar{o51}, Mk. 200
Karl von der Heydt{p75}, Berlin{o2}, Mk. 100
Geh. Commerzienrat Arnhold{p76}, Berlin{o2}, Mk. 200
Hoftheaterintendant C. von Mutzenbecher{p77}, Wiesbaden{o56}, Mk. 50

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K88 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.088-HGK.47-1904.02
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Caen, 21.10.1904

brief eben erhalten unterschreibe freudigst bitte mich für ihnen passend erscheinende summe eintragen in herrlichster verehrung und gemahlin{p3} grüssend

kestler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K84 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.089-HGK.48-1904.03
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Weimar, 18.12.1904

Weimar d. 18 Dezember 1904.

Sehr verehrter Herr Dehmel

Ich habe mich sehr gefreut, Ihr hübsches Kinderbuch [ Der Buntscheck{p6-w32} ] hier bei meiner Rückkehr wie einen etwas verfrühten Weihnachtsgruß vorzufinden, und danke Ihnen sehr dafür. Es wäre mir die größte Freude, [2] wenn die Widmung wahr wäre, und ich wirklich diese oder jene Anregung zu Ihren Kinder Publikationen beigetragen hätte. Ich wünsche Ihnen, daß Sie bei den Bäbies ebenso viel Erfolg haben und ebenso warme Bewunderer finden wie bei uns Erwachsenen. Mit der Bitte, mich Ihrer Frau Gemahlin{p3} zu empfehlen, und mit wiederholtem Dank

Ihr ergebenster

Kessler.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.090-ID.02-1905.01
Ida Dehmel an Harry Graf Kessler - Blankenese, 10.12.1905

Frau I.R. Dehmel bittet Sie, sehr geehrter Herr Graf, um die Mitteilung, ob [2] wir Sie Donnerstag um 1 Uhr oder um 2 zum Mittagbrot erwarten dürfen.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K106 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.091-HGK.49-1905.02
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Weimar, 11.12.1905

bitte sie gütigst zeit zu bestimmen, herzlichen dank und gruss

kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 4 | paper: | other:

G.092-ID.03-1906.01
Ida Dehmel an Harry Graf Kessler - Mannheim, 31.01.1906

31.1.6.

Lieber Herr Graf!

Wir sind schon mitten in unsrer Vortragsodyssee, und nähern uns immer mehr Weimar{o52}. Ich nehme an (Dehmel{p6} liest heute in Karlsruh{o55}, und hat mich gebeten, [2] Ihnen zu schreiben) also wir nehmen an, daß Sie Ihre Einladung damals durchaus ernstlich meinten – wenn wir auch den von Ihnen zugesagten Brief nicht erhalten haben. Ich habe damals gleich an Frau Förster-Nietzsche{p63} geschrieben; Sie [3] war ganz damit einverstanden, daß wir diesmal bei Ihnen wohnen. Nun bitte ich Sie freundlichst um ein Wort, ob wir Ihnen am 10ten vormittags recht kommen; (den Zug würden wir Ihnen noch mitteilen). Wir können bis zum 14ten bleiben. [4] Hauptmanns{p122} wollten gleichzeitig hinkommen; Sie werden sie wohl vorher noch bei der Hofmannsthal{p27}'schen Première [Ödipus und die Sphinx{p27-w69}] sprechen.

Unsre Adresse bleibt bis zum 7ten Mannheim{o58}, L. 12. 18.

Mit freundlichem Gruß

Frau Isi.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K85 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.093-HGK.50-1906.02
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Berlin, 02.02.1906

2. II. 06.

Hochgeehrte gnädige Frau,

aber natürlich war die Einladung ernst gemeint, und wenn kein Brief gefolgt ist, so bitte ich das auf eine konstitutionelle Misbildung zu schieben; ich bin ohne Briefe geboren wie Andre ohne Beine oder Arme. Ich freue mich schon sehr [2] auf die Tage und hoffe, Sie werden sich in meiner kleinen Behausung wohl fühlen. Also am 10ten  möglichst früh!

In vorzüglicher Hochachtung und mit der Bitte, Ihren Gemahl{p6} bestens zu grüßen,

Ihr sehr unterthäniger

Kessler.

Sie bekommen auch noch Schröders{p78} Sonette{p78-w37}. Ich war aber inzwischen abwesend.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.094-RD.41-1906.03
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Mannheim, 07.02.1906

Mannheim{o58}, 7.2.6.

Lieber Herr Graf!

Wir werden also diesen Sonnabend (10. d.M.) Vormittags 11h10 in Weimar{o51} eintreffen, von Erfurt{o59} aus. Inzwischen werden schon zwei Kleiderschachteln bei Ihnen landen; bitte, weisen Sie Ihren [2] Diener an, daß er sie gleich auspackt.

Mit schönsten Grüßen

auf Wiedersehn

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K86 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.095-HGK.51-1906.04
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 09.02.1906

9. II. 06

Lieber Herr Dehmel

Zu meinem sehr großen Bedauern zwingt mich eine im Interesse des Künstlerbundes unaufschiebbare Audienz beim Finanzminister hier, meine Abreise um einen Tag zu verschieben, so daß ich erst nach Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin{p3} morgen (Sonnabend) [2] eintreffe. Ich hoffe, schon um 3 fahren und dann um 6 in Weimar{o51} sein zu können; sonst würde ich Sie erst Sonntag früh sehen. Inzwischen hoffe ich, daß Sie sich bei mir zuhause fühlen. Ich habe Vandevelde{p13} gebeten, für mich die Honneurs zu machen.

Mit der Bitte, meine Verspätung auch bei Ihrer Frau{p3} gütigst entschuldigen zu wollen und dem herzlichsten Willkommen

Ihr sehr ergebener

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K87 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.096-HGK.52-1906.05
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 10.02.1906

bin leider gezwungen nachmittags noch andren minister sehen komme daher erst spät abends bitte entschludigen sie mich auch bei ihrer frau{p3}

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K103 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.097-HGK.53-1906.06
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Weimar, 04.03.1906

4. III 06.

Hochgeehrte gnädige Frau,

für die so gütig übersandten Abschriften sage ich den besten Dank. Ich habe sie gleich an Hofmannsthal{p27} weitergeschickt. Namentlich das erste Gedicht scheint mir sehr schön und geeignet. Die Tage die Sie und Dehmel{p6} uns hier schenkten leben noch mit ihrem heiteren Ernst sehr stark in meiner Erinnerung und machen mich hoffen, daß sie sich [2] bald wiederholen mögen.

In vorzüglicher Hochachtung und mit der Bitte, Dehmel{p6} bestens grüßen zu wollen,

Ihr unterthänigster

Kessler.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K104 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.098-HGK.54-1908.01
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Berlin, 19.03.1908

Hochgeehrte gnädige Frau,

leider sehe ich nicht recht, wie ich Ihrem Vorschlag nachkommen kann. Unverheiratete junge Damen einzuladen, ist für einen Junggesellen nicht recht Sitte in Berlin{o2}, und ich möchte gerade Liebermann{p81} gegenüber nicht gern von der Sitte abweichen. Ich bedaure also, daß ich Frl. Liebermann{p82} nicht einladen [2] kann. Mit bestem Dank für Ihren so freundlichen und sonst so netten Vorschlag

Ihr unterthänigster

Kessler.

19. III 08.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K105 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.099-HGK.55-1908.02
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Berlin, 19.03.1908

Berlin{o2} d. 19. III 08

Hochgeehrte gnädige Frau,

der Fall mit Frl. Bassermann{p83} liegt ganz anders als der mit Frl. L.{p82} liegen würde, da Sie, deren Schutzbefohlene Frl. Bassermann{p83} ist, mich gebeten haben, sie einzuladen. Ich habe mich deshalb auch sehr gefreut, sie auffordern zu dürfen. Das lag ja von vornherein auf der Hand, und ich habe Ihnen auch gestern [2] Abend meine Freude, die vollkommen aufrichtig war, ausgedrückt. Aber unter ganz andren Umständen eine junge Dame, die ich nur ziemlich flüchtig kenne, einzuladen, kann ich mich nicht recht entschließen; ich weiß, wie man darüben in Berlin{o2}, das ja in manchen Beziehungen noch eine Kleinstadt ist, denkt, und möchte nicht riskieren, [3] gerade hier eine ziemlich allgemein berlinische{o2} Anschauung zu verletzen. Verzeihen Sie mir also bitte, wenn ich Ihrer Anregung, für die ich Ihnen trotzdem sehr dankbar bin (ich entnehme daraus, daß Sie keinen allzu langweiligen Abend voraussehen), nicht Folge leiste.

In vorzüglicher Hochachtung

Ihr unterthänigster

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K89 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.100-HGK.56-1909.01
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Ranville, 26.10.1909

26. X 09.

Lieber Herr Dehmel,

für Ihre beiden so lieben und gütigen Briefe danke ich Ihnen herzlichst. Ich werde also meinen Obolus direkt an die Reichsbank schicken. Auch ich bedaure lebhaft, daß ich so selten Gelegenheit habe, mich mit Ihnen auszusprechen. Brieflich ist das, mir wenigstens, nicht möglich; so hege ich den lebhaften Wunsch, daß wir von Zeit zu Zeit uns irgendwo treffen. Ganz besonders aber wäre mir das in den nächsten [2] Monaten wertvoll, da ich mit Fischer{p84} einen Artikel über Ihr oeuvre [nicht realisiert] verabredet habe und so Manches gern mit Ihnen besprechen möchte, ehe ich ihm eine definitive Form gebe. So habe ich schon daran gedacht, ob ich nicht im Dezember oder Januar auf ein paar Tage nach Hamburg{o50} komme, um Sie zu sehen, falls Sie mir nicht mit Ihrer Frau Gemahlin{p3} die Freude machen wollen, mich in Weimar{o51} zu besuchen. Bis Ende November bleibe ich im Ausland. Da ich in den letzten Tagen des November in Belgien Vorträge zu halten habe, Dezember ist wegen der Weihnachtszeit [3] wohl ungünstig, so würde sich wohl am besten im Januar, wenn Sie dann Zeit haben, mir ein zwei Tage zu widmen, dieses Zusammentreffen bewerkstelligen lassen. Verzeihen Sie, daß ich so lange bei diesen formalen Dingen verweile; denn Ihr Brief enthielt einen Hinweis auf Schweres, das Sie im letzten Jahr betroffen habe, und fast fürchte ich, daß sich dieses auf die Gesundheit der Frau Isi{p3} beziehen könnte. Ich hoffe innigst, daß ich mich hierin täuschen möge, da Ihre Frau Gemahlin{p3}, das letzte Mal, wo ich sie sah, von ihren schweren Operation so gut erholt schien.

Sie würden mich verbinden, wenn Sie mir durch ein Wort sagten, ob ich aus Ihren Worten Falsches herausgelesen habe. Auf jeden Fall bitte ich Sie, Ihre Frau Gemahlin{p3} meiner aufrichtigsten Verehrung und Hochachtung versichern zu wollen und ihr zu sagen, welch warmen Anteil ich an Ihrer Gesundheit nehme.

In alter Treue und Bewunderung

Ihr

Kessler.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler; Veröffentlicht: Richard Dehmel, Ausgewählte Briefe aus den Jahren 1902 bis 1920 (Berlin: S. Fischer Verlag, 1923), Nr. 572. | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 6 | paper: | other: Wasserzeichen "D"; Der Brief enthält einen handschriftlichen Zusatz von Ida Dehmel in blauer Tinte; Der Abdruck in der Briefausgabe von 1923 ist unvollständig.

G.101-RD.42-1909.02
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Blankenese, 30.10.1909

Bankenese{o49} b/Hmbrg{o50}. 30.10.9.

Lieber Graf Keßler!

Ja, Briefe sind immer blos Surrogate. Je mehr man mit der Sprache umgehn lernt, umso mehr kommt man dahinter, daß sie das Leben, das uns wirklich bewegt, nicht auszudrücken vermag, sondern nur eingebildetes Leben. Wirkliche Seelenbewegungen kann nur der lebendige Körper mitteilen: der bebende Mund, das erglänzende Auge, die schauernde Stirn, die zuckende [2] Hand, und wer weiß was sonst für Erzitterungen. Also über das "Unglücksjahr" nur kurz: Frau Isi{p3} hat die Operation zwar gut überstanden, aber es kam ein Nervenchoc nach, dessen Überwindung uns sicher ein paar Kilowatt Spannkraft gekostet hat. Dann Liliencrons{p2} unerwarteter Tod, wodurch ich mehr verloren habe, als ich vorher klar wußte; und alle möglichen kleineren Widerwärtigkeiten, z.B. das "Mitmensch{p6-w39}"-Débâcle im "Kleinen Theater". Merkwürdig ist, daß ich auf all das [3] innerlich vorbereitet war, durch allerlei böse Träume und schlimme Ahnungen an meinem letztjährigen Geburtstag. Grad bei Liliencrons{p2} Begräbnis hätte ich Sie gern hiergehabt; was uns verband, war eine Verwandtschaft mit Byron{p85}, die außer Ihnen wohl noch Niemand deutlich wahrgenommen hat. Es ist ja erbärmlich, zu was für einem Simpelfritzen die deutschen Oberlehrer und Privatdozenten den Poggfred{p2-w40}phantasten abgestempelt haben; ich werde bald mal fuchtigst dagegen vom Leder ziehn. Es hat mich innig gefreut, als ich [4] in Ihrem Telegramm an seine Witwe{p123} eine ganz ähnliche, fast gleichlautende Wendung fand, wie ich ihm ins Grab nachgerufen hatte. Ich werde übrigens Ihre Unterschrift zu dem Aufruf für die Hinterbliebenen doch noch in die Presse bugsieren, zusammen mit Staatssekretär Delbrück{p86} und Professor Czerny{p87}, die mir auch verspätet zugesagt haben. Näheres über die ganze Sache mündlich. Ihr Besuch wird ein Festtag für uns sein, oder hoffentlich mehrere Tage. Bitte, zwischen dem 21. Dezember und 17. Januar! Vorher und nachher bin ich auf Vortragsreisen. Wir könnten [5] uns freilich auch irgendwo treffen (z.B. 25.-27. Novbr. in Wien{o64}, oder 1.-3. Dezbr. in München{o13}, oder 5.-10. Dezbr. in Zürich{o62} oder 17. u. 18. Dezbr. in Düsseldorf{o63}) oder ich könnte Sie in Weimar{o51} besuchen (von Halle{o65} aus, wo ich am 25. Januar rezitiere) – aber ich glaube, mein verehrter Herr Großinquisitor, daß Sie Ihre liebenswürdige Absicht als mein Gast besser erreichen werden; man ist bei sich zu Hause doch aufgeknöpfter. Also ich bitte um Ihren Bescheid, wann wir Sie erwarten dürfen, und verspreche Ihnen, mich [6] bis dahin – allen Eisenbahnunglücksfällen zum Trotz – am Leben zu erhalten. Daß Sie mich verewigen wollen, nehme ich als omen faustissimum.

Mit herzlichem Lächeln

Ihr Dehmel.

{Sind Sie wieder ganz gesund. Frau Isi{p3}. }

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K90 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.102-HGK.57-1909.03
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Ranville, 08.11.1909

von morgen an: Paris{o1}, Grand Hotel.

8. XI 09.

Lieber Herr Dehmel,

für Ihren so überaus gütigen und freundlichen Brief sage ich Ihnen vielen Dank. Wenn ich nicht sofort geantwortet habe, so war es, weil ich erst über meine eigenen Dispositionen mir ganz klar sein wollte. Ich möchte Sie nun sehr bitten mit Frau Isi{p3} Ende Januar mir in Weimar{o51} die große Freude zu machen, mich zu besuchen. Wenn wir hieran festhalten, so würde ich trotzdem versuchen (aber leider kann [2] ich noch immer Nichts Bestimmtes sagen) in den ersten Januartagen nach Hamburg{o50} zu kommen. Es müßte sich dieses nämlich mit einer voraussichtlich notwendigen Reise nach London{o46} kombinieren, von wo aus ich über Hamburg{o50} zurückkehren würde. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie ich mich darauf freue, endlich einmal nach Jahren wieder in Ruhe mit Ihnen sprechen zu können, und nicht blos in der überfüllten Berliner{o2} Abend Atmosphäre. Es ist so Vieles, das mir an Ihnen so langsam klargeworden ist. Auf Eines spielen Sie selber mit dem Namen Byron{p85} an, ich meine Ihr Verhältnis zur Romantik und zur Leidenschaft; [3] der allmähliche Ausbau dieses Verhältnißes zur "Weisheit", zur großen, Alles umfassenden, Alles bejahenden, weil Alles organisch zu einander in Beziehung setzendes, olympischen Weisheit, dies ist, was mich an Ihren Werken so tief bewegt. Ihr Werk ist, mehr wie irgendeins seit Nietzsches{p88}, zugleich ein Schicksal, nicht blos eine litterarische sondern eine menschliche Entwicklung. Allerdings erhöht das bei einem Lebenden die Schwierigkeit der richtigen Darstellung; aber ich halte diese Schwierigkeit doch nicht für unüberwindlich. Jedenfalls gehe ich mit Leidenschaft an diese Arbeit, die nebenbei das ganze Problem des "Gegensatzes" von "klassisch" und "romantisch" aufrollt, und ihrer möglichen Versöhnung in der "Weisheit", wie ja schon das griechische Altertum sie erstrebt und gefunden hat. Wenn ich Ihr Leben in diesem Licht sehe, so erscheinen mir auch so schwere Prüfungen, wie Sie sie im letzten Jahr durchgemacht haben, eher tragisch als traurig. Ich habe ein tiefes Mitgefühl für das, was Sie in diesen Augenblicken gelitten haben müssen, aber ich weiß, daß diese Stunden jedenfalls bei Ihnen Nichts Häßliches gehabt oder zurückgelassen haben. Daß es Frau Isi{p3} wieder besser geht, macht Sie vollends zu einem blossen Erlebnis, und ich hoffe, Sie sowohl wie Ihre Gemahlin{p3} in alter Frische anzutreffen. Der arme Liliencron{p2} hat sein Lebenswerk gethan; so muß man ihn fast für glücklich schätzen, daß er den Verfall seiner Frische nicht erlebt hat. Mit den herzlichsten Grüßen, die ich auch bitte, an Frau Isi{p3} ausrichten zu wollen,

Ihr

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other: Wasserzeichen "D"

G.103-RD.43-1910.01
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Bingen, 19.01.1910

Bingen{o66}, 19.i.10.

Lieber Graf Keßler!

Bitte, geben Sie mir bis Sonntag nach "Mannheim{o58}  bahnpostlagernd" Bescheid, ob wir am 26.5.M. (Mittwoch) Sie schon in Weimar{o51} antreffen. Wenn ich bis Montag früh keine Nachricht [2] habe, dann fahren wir erst auf einige Tage nach Leipzig{o52}, bevor wir nach Weimar{o51} kommen. Wir warten dann in Leipzig{o52} (Hotel  Hauffe) ab, bis Sie uns nach Weimar{o51} rufen.

Auf frohes Wiedersehn

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K91 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.104-HGK.58-1910.02
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Paris, 21.01.1910

Paris{o1}. Grand Hotel.

21. I. 10.

Lieber Herr Dehmel,

soeben erhalte ich Ihren freundlichen Brief, durch den mir Ihr und Frau Isis{p3} Besuch in eine so erfreuliche Nähe rückt. An sich kann ich sehr leicht am 26ten in Weimar{o51} sein; da Sie aber die Alternative hätten, zuerst nach Leipzig{o52} zu gehen, und da meine Mutter{p89} augenblicklich eine etwas schwerere Krise ihrer Krankheit durchmacht, (weshalb ich auch noch [2] nicht definitiv wieder nach Deutschland zurückgekehrt bin), so würde ich allerdings vorziehen, wenn Sie nach Ihrem Leipziger{o52} Besuch nach Weimar{o51} kommen könnten. In diesem Falle würde ich Ihnen den 30ten vorschlagen, falls das Ihnen nicht zu spät ist und Ihnen sonst in Ihre Reisepläne paßt. Es ist, wie immer wo Dinge vom Befinden eines Kranken abhängen, viel Unstätheit und Unsicherheit in meine Pläne in diesem Winter hineingekommen, und ich bedaure, daß jetzt [3] auch Ihr Besuch, auf den ich mich schon so lange freue, dadurch einen Aufschub, wenn auch hoffentlich nur um wenige Tage, erleidet. Jedenfalls ist es mir aber auch möglich, schon am 26ten in Weimar{o51} zu sein, wenn diese Verschiebung irgendwelche Unbequemlichkeiten für Sie zu Folge hat. Ich bitte Sie mir nur ganz kurz zu schreiben oder zu telegraphieren, nach Paris{o1}, Grand Hotel; wenn Sie depeschieren, genügt das Wort "einverstanden", ich erwarte Sie dann am 30ten; Sonst bitte nur das Datum. Ich kann Ihnen nicht sagen, mit welcher Freude ich diesem Zusammensein mit Ihnen entgegensehe.

Mit der Bitte, mich Frau Isi{p3} zu Füßen zu legen,

Ihr

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.105-RD.44-1910.03
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Mannheim, 22.01.1910

Gern einverstanden mit dem 30sten.

Von Herzen alles Gute wünschend

Ihr D.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K92 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.106-HGK.59-1910.04
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Paris, 27.01.1910

kann angesichts der ernsten gefafrollen sage in paris{o1} meine kranke mutter{p89} nicht verlassen muss daher zu meinem schmerzlichsten bedauern unser susammentreffen auf spaeter verschieben zu duerfen bitten kessler.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K93 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.107-HGK.60-1910.05
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 04.05.1910

darf ich sie sonntag, oder montag besuchen freue mich von herzen endlich diesen plan ausführen zu können wenn ihnen und ihrer gemahlin{p3} passend gruss kessler berlin köthenerstr. 28

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K94 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.108-HGK.61-1910.06
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 06.05.1910

werde also mit ihrer gütigen erlaubnis montag nachmittag ungefähr halbdrei blankenese{o49} sein freue mich sehr kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K95 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.109-HGK.62-1910.07
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 15.06.1910

15. VI 10

Lieber Herr Doktor,

für die Übersendung der hübschen Novelle [ Betrachtungen über Kunst, Gott u. die Welt{p6-w75} ] , die mir viel Spaß gemacht hat, sage ich Ihnen meinen allerherzlichsten Dank. Es ist für mich sehr ehrenvoll, mich so verewigt zu sehen; und ich brauche Ihnen natürlich nicht erst zu sagen, daß ich Ihnen die Anekdote überaus gern "schenke". So wird sie zu einem kleinen Denkmal der schönen Tage, die ich mit Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin{p3} in Hamburg{o50} verleben durfte. Nun aber zur Sache selbst. Auf Ihre zwei Fragen muß ich zu meinem Bedauern unbedenklich mit "Nein" antworten. Ein einziger [2] Umstand genügt, um die von Ihnen gewünschte Auslegung meiner Ansicht nach auszuschliessen: nämlich daß das Zimmer der Dame verschloßen ist. In einem Erdbeben hat man weder Zeit noch Überlegung sein Zimmer erst noch zu verschließen; sie müßte es also schon vor dem Beben abgeschloßen haben. Und dann? Sie sehen, das geht nicht; jeder vernünftige Weltmann würde aus dem Verschloßensein des Zimmers den von Ihnen nicht gewünschten Schluß ziehen. Dieses also Punkt I. Punkt II: Das Gespräch am Anfang müßte das Problem meiner Ansicht nach eindrucksvoller formulieren. Der Leser achtet zunächst in erster Linie [3] auf die Figuren, auf ihre Beziehung zu einander, auf den Rahmen, das Milieu, dann erst, d.h. in zweiter Linie auf den Inhalt ihrer Gespräche, d.h. auf den philosophischen Inhalt. Ich meine daher, es wäre besser, wenn das philosophische Problem erst dann gebracht würde, nachdem der Leser über Figuren und Milieu seine Neugier befriedigt hat. Nur so kann meines Erachtens die Pointe der ganzen kleinen Novelle vollkommen klar herausgearbeitet werden. Jetzt ist man schon über die Problemstellung hinweg, ehe man Zeit und Lust gehabt hat, auf sie zu achten; und am Schluß des Ganzen stößt man deshalb ein verwundertes "Ach so!" aus. Verzeihen Sie diese sehr unliebenswürdige kahle Kritik; aber Sie haben mich zu einer Aussprache aufgefordert und ich bin genötigt, Sie in großer Eile aufzuschreiben, da ich eben ins Lager nach Doeberitz{o67} zu einer Übung aufbreche. Also seien Sie mir, lieber Herr Doktor, bitte nicht böse und glauben Sie mir, daß mir das Ganze trotz dieser Einwendungen viel Freude gemacht hat.

Bitte Frau Isi{p3} unterthänigst zu grüssen.

Ihr

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler; Abschrift: Dehmel Archiv Hamburg, Signatur: D2539 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 4 | paper: | other: Wasserzeichen "D"; Zusatz von Ida Dehmel in blauer Tinte.

G.110-RD.45-1910.08
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Blankenese, 17.06.1910

Blankenese{o49} b/Hmbrg{o50}. 17.6.10.

Lieber Herr Graf!

Haben Sie schönsten Dank für Ihren Tipp auf das verschlossene Zimmer. Das kommt davon, wenn man noch kein Erdbeben erlebt hat. Eigentlich müßte der Dichter sämtliche Gehirnerschütterungen, Halsbrüche, Flammentode und sonstige Feuertaufen erst durchgemacht haben, eh er auch nur die kleinste Zeile [2] schreibt; Liliencron{p2} nannte das – "die Technik des Lebens".

Ich habe nun die Stelle dahin geändert, daß die Tür nicht wirklich verriegelt ist, sondern nur in der aufgeregten Einbildung des Konsuls und des Doktors, und nachher merken sie ihren Irrtum. Die Scene hat auch stilistisch (in der rhythmischen Spannung) dadurch gewonnen.

Ihrem zweiten Einwand (gegen das Anfangsgespräch über den Lohn der edeln Tat) kann ich aber nicht beistimmen; mehr in die Mitte gerückt, würde es viel zu gewichtig werden. Es kommt mir ja [3] garnicht auf das "Problem" als solches an; das dient mir lediglich zu dem Zweck, dem Baron am Schluß ein Wort in den Mund zu legen, das die Dame aus der Affäre zieht. Der Leser soll "Ach so! hauchen", nämlich aus dem verblüfften Zustand des Ehemanns heraus, der gute Miene zu dem vielleicht doch bösen Spiel machen muß. Ich glaube, nach der Verbesserung der Tür-Scene wird Ihnen das Ganze vollkommen "eingehen"; sobald das Dingelchen gedruck ist, schicke ich Ihnen ein Exemplar. Mir war die Hauptsache – außer dem Holzbein am Busen der Dame –: der lächelnde Buddha am Horizont.

[4] Nun haben Sie mir noch ein kostbares Geschenk zugehn lassen. Wie soll ich Ihnen danken? Es kam gestern an, und ich meinte zuerst, es wäre Schröders{p78} Homer{p42}; dann war's der – "Maximin{p61-w43}" [ Stefan George{p61} ] . Mein Dank ist, fürchte ich, minimin. Ich habe versucht, drin zu lesen; es ist mir aber unmöglich. Mir wird physisch übel von dem Brimborium (auch dem der Ausstattung). Aber Frau Isi{p3} hat, wie Sie wissen, ein Faible für seltne Bücher jeder Art und für den Sankt Stefan{p61} im besondern. Also ist Ihr Geschenk auch mir sakrosankt; denn mir gab ein Gott, mich mit ihr zu freuen.

Mit allen Grüßen

Ihr Dehmel.

{Allen dank!
Dehmel wußte nicht, daß Ihr Maximin{p61-w43} mir einen besondern Wunsch erfüllt hat. Frau Isi.{p3}}

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak - Griechisch? | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler; Veröffentlicht: Richard Dehmel, Ausgewählte Briefe aus den Jahren 1902 bis 1920 (Berlin: S. Fischer Verlag, 1923), Nr. 605. | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 8 | paper: | other: Wasserzeichen "D"

G.111-RD.46-1910.09
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Blankenese, 01.07.1910

Bl.{o49} b/Hmbrg{p50}. 1.7.10.

Lieber Herr Graf,

nun ist auch der Homer{p42} gelandet, und in herzlicher Freude über das schöne Buch [ Homer{p42}, Odyssee{p422-w42}, übersetzt von Rudolph Alexander Schröder{p78} ] und die Widmung hätte ich Sie beinahe "lieber Harry Kessler" angeredet. Vorgestern kam es, und der herrliche Einband und vorzügliche Druck (alles wirklich first rate) sind so verlockend, immer wieder in die Hand und vors [2] Auge genommen zu werden, daß ich es jetzt schon ganz und gar durchgelesen habe. Anfangs war ich (soweit ich nämlich den griechischen Text noch auswendig weiß) von Schröders{p78} Übersetzung etwas enttäuscht, sozusagen angenüchtert. Gleich die erste Zeile: "Nenne mir, Muse, die Fahrten" – das ist garnicht aus dem Geist des Dichters heraus. Sondern er bittet: Ανδρα   μοι   ενεπε! Die "Fahrten" zu "nennen", das ist nur das Äußerliche; der Dichter bittet die Muse um die innere Eingebung des ganzen Helden. Man könnte gradezu [3] übersetzen: Hauch mir den Mann ein, Muse, den vielverschlagnen! Oder wenigstens: Dichte den Mann mir, Muse! – Auch daß er z.B. der ροδοδακτυλος   Ηως [Göttin des Morgenrots; homerische Formel] die Finger abhackt und als einziges Überbleibsel das für diese zarte Göttin gräßlich harte t in "rosig(t)e" auftischt, wird ihm Niemand verzeihen, der je die Morgenröte hat aufstrahlen sehen. Warum die breite Übersetzung der ηριγενεια mit der (noch dazu mythologisch anfechtbaren) "Tochter der Frühe". Warum nicht: Als nun Eos erschien, frühauf mit rosigen Fingern. Oder: Kaum war Eos erschienen, die rosenfingrige, frühe. [4] Und so könnte man noch viele Stellen anführen, wo vom Urtext unvorteilhaft abgewichen ist. Aber wenn man das Griechische nicht daneben hält, dann liest sich die Übersetzung fast allenthalben entzückend leicht und ansprechend. Eben dies Ansprechende, deutsch Selbstverständliche des Vortrags scheint mir Schröders eigentlichstes Verdienst; der alte Voß{p90} tat der Sprache zu viel Zwang an, man stolpert sehr oft und ermüdet bald. Hier herrscht der anregend gemächliche Ton des ausgepichten Geschichtenerzählers, der die Hörer mit jedem Satz weiterzudrängen [5] und doch auch hinzuhalten versteht. Vielleicht sogar etwas allzu gemächlich, eben zu sehr auf die "Fahrten" hin, nicht genug auf den Helden pochend, den δαιμονιος, der uns erschüttern soll; diesen heldisch drangvollen Ton hat Voß{p90} im ganzen besser getroffen, wenn auch leider mit Hilfe unzähliger peinlich zwangvoller Einzelheiten. Ich bin gespannt auf die Freierschlacht, und erst recht auf die ganze Ilias, ob sich Schröder{p78} da vielleicht durch den "Stoff" heftig genug hat packen lassen, um die gedrungnere Form zu finden. Ich halte es nicht [6] für ausgeschlossen, denn schon in den ersten 12 Gesängen macht ihn der Strom der Erzählung allmählich freier von gewissen vorgefaßten altfränkischen Gesten, mit denen er (ich meine nicht blos das blecherne "Tichter-e" in den "schwach" flektierten Verbalformen) behagliche Stimmung machen will, und zu denen manche sonst sehr gut angebrachten modernen Vulgarismen durchaus nicht stimmen. Schröders{p78} Sprachkunst ist eigentlich doch zu echt, als daß er es wirklich nötig hätte, sich auf Künstlichkeiten zu versteifen; lieber soll er mal à la Goethe{p11} 5 grade sein lassen [7] und einen Trochäus für einen Spondëus setzen (was er übrigens sowieso schon tut). Aber mit diesen Einwendungen will ich nur sagen, daß seine Nachdichtung in jeder Hinsicht die höchsten Ansprüche herausfordert. Es ist einfach bewundernswert, wie er auf solcher großen Fläche den deutschen Satzbau dem Hexameter einpaßt, ohne den Unfug der "Licenzen"; man glaubt eine Stabreimdichtung zu lesen, d.h. eine ursprüngliche, keine Richard Wagner{p8}sche. Der Homer{p42} [ Die Odyssee (dt.){p42-w42} ] ist dadurch endgiltig auch dem ungelehrten deutschen Leser, dem "naiven Publikum", genießbar geworden. Ich bin über [8] zeugt, jeder Bauer und Arbeitsmann wird diese Verdeutschung ebenso andachtsfroh lesen, wie irgend ein oller griechischer Schuster den Urtext deklamieren hörte; und daraufhin sollte Schröder{p78} das Ganze nochmals durchfeilen und dann als Volksausgabe erscheinen lassen. Natürlich erst, wenn die Liebhaber-Ausgabe fertig ist; denn Ihr wundervoller Grypsen- und Arimaspen-Einband ist doch noch schöner als Volksbeglückungsträume.

Nochmals herzlichen Dank!

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K107 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.112-HGK.63-1910.10
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Ranville, 28.09.1910

28. IX. 10

Hochgeehrte gnädige Frau,

soeben erreicht mich die Nachricht vom Hinscheiden Ihres Herrn Vaters{p106}. Obgleich ich den Verstorbenen nicht persönlich kannte, bitte ich Sie zu glauben, daß ich innigen Anteil an dem so gekommenen Verlust nehme, der Sie trifft. Ich kann nur wünschen und hoffen, daß die vielen großen und schönen Aufgaben, die Ihnen das Leben bietet, Ihnen helfen werden, diesen [2] Schlag zu überwinden.

In aufrichtiger Verehrung und Freundschaft und mit der Bitte, mich Ihrem Herrn Gemahl{p6} herzlichst zu empfehlen

Ihr unterthänigster

Kessler.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Abschrift: Dehmel Archiv Hamburg, Signatur: D2540 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.113-RD.47-1911.01
Richard Dehmel an Harry Graf Kessler - Blankenese, 01.11.1911

An den Grafen Keßler.

Blankenese{o49}, 1.11.11.

Lieber Herr Graf!

Liegen Ihre Reisepläne so, daß Sie zur Première meiner Komödie "Michel Michael{p6-w45}" herkommen können? Sie steigt am 11. d. M. (Sonnabend, den 11.11.11. – εναισιμον   εστω) [heute: toi, toi, toi] im Hamburger Deutschen Schauspielhaus, und Sie wissen, wie es mich freuen würde, wenn Sie mit dabei wären. Ich glaube Ihnen auch zum mindesten ein interessantes Experiment in Aussicht stellen zu dürfen; die Komödie bewegt sich technisch in der Diagonale zwischen Sommernachtstraum{p91-w44} [ Shakespeare{p91} ] und Wolkenkuckucksheim (Inhalt: "der deutsche Michel aus dem Schlaf erwachend"). Wenn Sie kommen wollen, muß ich Sie aber bitten, mir sofort telegraphischen Bescheid zu geben, damit ich Ihnen einen guten Platz reservieren kann; das Theater ist nämlich schon beinahe ausverkauft, halb Berlin{o2} kommt herüber.

Mit heimatlichem Gruß

Ihr Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K96 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.114-HGK.64-1911.02
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Paris, 07.11.1911

herzlichsten dank eben erhaltene gütige einladung hoffe fast sicher sonnabend kommen können muss aber erst noch nach normandie gebe spätestens freitag bestimmte antwort beste grüsse auch an frau isi{p3}

kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K97 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.115-HGK.65-1911.03
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Caen, 10.11.1911

abreise leider heute unmöglich komme bestimmt zur zweiten oder dritten vorstellung kessler chateau sainte honorine par ranville{o60} herzlichste wünsche zur premiere

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K98 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.116-HGK.66-1911.04
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Paris, 11.11.1911

kann montag abend hamburg{o50} sein ist montag vorstellung oder wann nächste bitte freundlichst antwort grand hotel paris{o1}

kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K99 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.117-HGK.67-1911.05
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Paris, 13.11.1911

bin morgen nachmittag hamburg{o50} abstige esplanade bitte freundlich dorthin billete bestellen dank kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K108 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.118-HGK.68-1911.06
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Hamburg, 16.11.1911

16. XI. 1911.

Liebe gnädige Frau,

der Abend verlief gut [Theateraufführung des Michel Michael{p6-w45}] : bei weitem bewegter als der am Dienstag, aber die ziemlich vereinzelten Zischlaute wurden immer wieder durch den Applaus übertönt. Jedenfalls langweilt sich das Publikum offenbar nicht einen Augenblick.

Ich freue mich sehr, am Sonnabend mit Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl{p6} [2] zusammenzusein; es ist sehr freundlich von Ihnen, an mich gedacht zu haben.

Mit der Bitte, Ihren Herrn Gemahl{p6} von mir zu grüßen,

Ihr sehr untertäniger

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K100 | kind: Postkarte | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.119-HGK.69-1914.01
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 06.08.1914

aus dem ersten Feldquartier

6. VIII 14

Bravo!

Harry Kessler
Rittmeister.

[

Dieser Ausruf bezieht sich vermutlich auf die Veröffentlichung "Volksstimme - Gottesstimme{p6-w61}", 1914

]

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K109; Zeitungsausschnitt: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K109a | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.120-HGK.70-1915.01
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Kowel, 06.01.1915

Kowel{o68} (Wolhynien) 6. I. 15.

Hochverehrte gnädige Frau,

anbei, mit den allerherzlichsten Wünschen für Sie und Ihren Herrn Gemahl{p6}, dieses kleine drollige Plagiat als Neujahrsgeschenk. Wer mag der so wunderbar Dehmel{p6}sche Gedichte im Schützengraben nachdichtende "Musketier Arno Schmidt{p92}" sein? Die ganze Sache ist ja offenbar ein Sylvester Scherz; auch da die gute alte Frankfurter hereingefallen ist. Das kommt davon, wenn der "litterarische" Redakteur Nichts von Litteratur weiß. – Hoffentlich geht es Ihnen und auch Ihrem Herrn Gemahl{p6} gut. Ist er noch immer im Felde? Bitte grüßen Sie ihn sehr.

Ihnen lege ich mich in alter Treue und freundschaftlich zu Füssen.

Ihr

Harry Kessler

[

Der Zeitungsausschnitt lautet:

– ["Hoch am Gewehr den Blumenstrauß . . ."] Von der Ostfront schickt uns ein Musketier das folgende Briefchen:

Rußland, 20.12.1915.

Sehr geehrter Herr Redaktr. Bitte sind Sie doch so freundlich und senden Sie dieses Lied Unendgeltlich in Ihre Zeitung da ich in Dietzenbach bei Frankfurt ausgebildet worden bin."

Die Begründung ist so zwingend, daß wir dem Wunsch des braven Musketiers gern nachkommen und das hübsche Gedicht in Originalabdruck wiedergeben:

Melodie: "Steh' ich in sanfter Mitternacht"

Doch am Gewehr den Blumenstrauß
so zogen wir von Dietz'bach hinaus.
Der Weißdorn trug schon rote Beeren
Wann werden wir wohl Wieder kehren?

Durch manche Stadt Marschierten wir
in manchen Dorf quartierten wir
an manchen Friedhof ging's vorbei
Der Kreuze gingen viel entzwei

Der graue Rock ist worden fahl
Das Feld liegt Wüst und Welk und kahl
an einem langen Massengrab
Stelzt eine Krähe auf und ab

]

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K110 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.121-HGK.71-1916.01
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Berlin, 21.07.1916

erbitte freundlichst dehmels{p6} genaue feldadresse beste grüsse

harry kessler
köthenerstr. 28 berlin{o2}

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K101 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.122-HGK.72-1916.02
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 23.07.1916

erbitte aus gründen die brieflich auseinander setzen wollen telegraphisch freundlichst ihre genaue feldadresse beste grüsse kessler köthenerstr. 28

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K111 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.123-HGK.73-1916.03
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Berlin, 25.09.1916

25. IX. 16.

Liebe, hochverehrte gnädige Frau,

Vielen Dank für Ihren freundlichen und aufklärenden Brief. Aber die Sache mit Becher{p96} haben Sie zu tragisch aufgefaßt. Daß ein großer Schriftsteller viele verschiedene, gute und schlechte, Wirkungen haben muß, ist doch eine nicht zu ändernde Tatsache. Wer das nicht erträgt, muß das Schreiben und Dichten unterlaßen. Letzten Endes hat Becher{p96} ja auch nicht unter Dehmel{p6} oder Dehmels{p6} Werk [2] gelitten; gerade ich kann das doch nicht annehmen, da ich Becher{p96} für den stärksten und zukunftsreichsten Dichter der jungen Generation halte, also seine Begabung und Persönlichkeit nicht durch jene Erlebnisse als irgendwie belastet ansehe. Im Gegenteil, seine eigenartige Richtung hat sich erst dadurch ganz geklärt. Wäre ich andrer Ansicht gewesen, so hätte ich doch selbstverständlich die ganze Sache Ihnen und Dehmel{p6} gegenüber nicht erwähnt. Auch mir war es eine [3] große Freude, Sie und Dehmel{p6} wiederzusehen; namentlich daß Dehmel{p6} die beiden Kriegsjahre verhältnismäßig so gut überstanden hat und so frisch und eigentlich verjüngt zurückgekehrt ist wie Odysseus nach Ithaka, fähig, mit seinem Bogenschuß alle jungen Freier um der Mußen Gunst zu überflitzen. Die Fürstin Lichnowski{p93} ist auf dem Lande; in Grätz in Schlesien. Am besten wäre es, Sie schrieben ihr direkt. Sie liebt besonders die allergrößten, Marc{p95}, Kokoschka{p94} etc. Ich komme wahrscheinlich jetzt dauernd nach Bern{o70}, da ich dorthin zur Gesandtschaft kommandiert werden soll; bin aber jedenfalls noch die nächsten 14 Tage in Deutschland. Dehmel{p6} ist hoffentlich bei seiner A.O.K. gut angelangt. Bitte grüßen Sie ihn sehr herzlich.

Auch Ihnen, hochverehrte gnädige Frau{p3}, die allerbesten Grüße

von Ihrem

sehr untertänigen

Kessler

[1] Es wäre mir interessant, die Gedichte, die Becher Dehmel damals eingeschickt hat, zu kennen. Sind sie zufällig noch erhalten? Becher selbst behauptet, sie seinen herzlich schlecht gewesen.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K102 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.124-HGK.74-1917.01
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 10.11.1917

Berlin{o2}, den 10. November 1917.

Sehr verehrter Herr Doktor,

Es tut mir sehr leid, dass ich heute abend Ihrer Première [wahrscheinlich Die Menschenfreunde{p6-w62}, 1917] nicht beiwohnen kann. Ich bin erst seit einigen Tagen hier und habe, bis Barnowsky{p97} mich antelephonierte, das Datum der bevorstehenden Première nicht gewusst. Leider bin ich den ganzen Tag so in Anspruch genommen und meistens noch bis ziemlich spät am Abend, dass ich wenig Gelegenheit habe ins Theater zu kommen und daher auch nicht regelmässig die Theateranzeigen verfolge. Ich hoffe indessen, wahrscheinlich Donnerstag, Ihr Stück zu sehen. Sollten Sie noch einige Tage hier bleiben, so würde es mich freuen, wenn ich Sie und Ihre Frau Gemahlin{p3} eventuell mittags an einem der ersten Tage der nächsten Woche sehen könnte. Ich hätte noch den Dienstag oder Mittwoch frei, wenn Sie mir die Freude machen wollten, mit mir zu frühstücken.

Mit bestem Gruss und der Bitte, mich Ihrer Frau Gemahlin{p3} zu Füssen zu legen,

Ihr ganz ergebenster

Kessler.

Herrn Dr. Richard Dehmel
B E R L I N{o2}

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K112 | kind: Telegramm | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.125-HGK.75-1920.01
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Caux, 18.02.1920

erfahre soeben erst die mich tief erschütternde nachricht [Richard Dehmel{p6} war am 8. Februar 1920 gestorben.] habe in dehmel{p6} einen der verehrtesten menschen und ältesten freunde verloren aus dem was ich empfinde entnehme ich wie tief gebeugt sie sein müssen meinen innigsten gedanken sind bei ihnen harry kessler palace hotel caux{o73} bei montreux{o74}

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K113 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 2 | paper: | other:

G.126-HGK.76-1920.02
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Berlin, 06.05.1920

d.6. Mai 1920

Hochgeehrte gnädige Frau und Freundin,

Mit tiefer Ergriffenheit habe ich das wunderbare Denkmal gelesen, das Ihnen Dehmel{p6} in seinen letzten Lebensjahren noch gesetzt hat. [Wahrscheinlich "Die Götterfamilie{p6-w63}", 1919.] Es drückt gleichzeitig sein eigenes und Ihr Wesen in so unvergänglicher Weise aus, dass ihm wenig in der Literatur zur Seite zu setzen sein dürfte. Ich kann mich noch immer nicht an den Gedanken gewöhnen, dass Dehmel{p6} nur noch in dieser Form, als Dichter, unter uns weilt und als Mensch, als lebendige, im täglichen Leben wirkende Kraft verschwunden ist. So wenig wir uns in den letzten Jahren, seit dem Kriege gese [2] hen hatten, so war das Bewusstsein seines Daseins für mich eine der festesten und schwerwiegendsten Tatsachen in dem fuchtbaren Chaos, in das die Welt hineingeraten ist. Andere, spätere Generationen werden dieses anders empfinden und aus den Werken allein den vollen lebendigen Menschen in Reinheit geniessen können. Für Die, die einen grossen Künstler oder Menschen im Leben gekannt haben, bleibt sein Tod doch immer ein nicht zu überwindender Verlust. Ich selbst habe in den letzten Jahren so viel verloren an Menschen, die für mich einen grossen Teil meines Lebensinhaltes ausmachten, dass ich um so tiefer fühlen kann, was es bedeuten muss, Jemanden zu verlieren, der, wie Dehmel{p6} für Sie, der ganze Inhalt des Lebens gewesen [3] ist. Glauben Sie mir, hochgeehrte gnädige Frau und Freundin, dass ich immer wieder an Ihren Schmerz und Ihren Verlust denke; und gleichzeitig empfinde, wie dankbar wir alle sein müssen, dass Sie so viele Jahre lang Dehmels{p6} Stern und Ideal gewesen sind.

In der Hoffnung, dass das Leben uns einmal in nicht zu ferner Zeit wieder zusammen führen wird, verbleibe ich in Treue und Freundschaft

Ihr ganz ergebener

Harry Kessler.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K114 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 2 | paper: | other:

G.127-HGK.77-1920.03
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Berlin, 12.05.1920

d.12.Mai 1920.

Hochgeehrte gnädige Frau und Freundin,

Vielen Dank für Ihren ergreifenden Brief. Es ist schön, dass Sie sich mit einem so festen Glauben und in einen so echt Dehmelschen{p6} Sinne über die Verwüstung Ihres Daseins hinweghelfen können. [Entschluß, Ausgewählte Briefe{p6-w47} herauszugeben.] Das geringe Verständnis im Kultusministerium überrascht mich nicht. Es hat sich dort in der Tat nicht viel geändert. Dazu kommen natürlich auch die sehr misslichen finanziellen Verhältnisse, die sowohl die öffentlichen Behörden wie die Privaten bedrücken und in ihrer Frei [2] gebigkeit beschränken. Trotzdem müsste diese Ehrenpflicht, für Dehmels{p6} geistige und materielle Nachlassenschaft zu sorgen, anerkannt werden. Glauben Sie mir, dass ich mit Ihnen hierin völlig sympathisiere. Hoffenlich habe ich Gelegenheit, Sie einmal in nicht zu ferner Zeit zu sehen.

Mit den besten Grüssen

in alter Treue

Ihr sehr ergebener

Kessler

Dehmels{p6} Briefe werde ich aus meinen Brief Paketen aussuchen u hoffe, sie Ihnen, allerdings erst in einigen Wochen, zukommen lassen zu können.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K730/19 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.128-HGK.78-1920.04
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Berlin, 02.09.1920

d. 2. September 1920.

Hochgeehrte gnädige Frau und Freundin,

Ihre Karte ging mir in der Schweiz zu. Leider bin ich in diesem ganzen Sommer erst zwei Tage in Weimar{o51} gewesen, sodass es mir nicht möglich war, die Briefe herauszusuchen. Ob mir dieses in den nächsten Wochen möglich sein wird, da ich intensiv in Berlin{o2} und nachher durch eine Vortragsreise beschäftigt bin, ist mir leider nicht sicher. Ich bin selber ganz beschämt über diesen Umstand, da ich ermesse, welche Bedeutung, nicht nur für Sie, die Sache [ Ausgewählte Briefe{p6-w47} ] hat. Leider sind die Briefe aus den betreffenden Jahren noch nicht geordnet, sodass ich meine sämtliche [2] Korrespondenz durchsehen muss, um sie herauszufinden. Das bedeutet natürlich eine Arbeit von mindestens acht oder zehn Tagen, die ich, wie ich Ihnen nicht zu versichern brauche, gern und liebevoll leisten werde, zu der mir aber die materielle Möglichkeit in diesem Augenblick wegen des Andrangs meiner sofortigen unaufschiebbaren Geschäfte leider fehlt, namentlich da ich deshalb nach Weimar{o51} muss. Ich fürchte, da ich noch dazu im Oktober voraussichtlich eine kurze Auslandsreise unternehmen muss, dass ich kaum vor November zu einer Durchsicht der Briefe in Weimar{o51} komme. Das ist auch für mich sehr schmerzlich; ich sehe aber nicht, wie ich das ändern kann. [3] Hoffentlich entsteht dadruch kein unwiederbringlicher Schaden.

Darf ich diese Gelegenheit ergreifen, um zu fragen, wie es Ihnen persönlich und Dehmels{p6} Kindern [ Vera{p124}, Peter Heinrich{p125} und Liselotte{p126} ] geht? Ich würde mich sehr freuen, wenn ich einmal darüber etwas hören könnte.

In aufrichtigster Verehrung und Freundschaft verbleibe ich

Ihr ganz gehorsamster

Harry Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K730/20 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.129-HGK.79-1920.05
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Berlin, 03.09.1920

d.3. September 1920.

Hochgeehrte gnädige Frau und Freundin,

eben kommt Ihre Karte. Unsere Briefe haben sich also gekreuzt. Ich sehe durchaus ein, wie wichtig es ist, alle entscheidenden Aeusserungen Dehmels{p6} zusammen zu bekommen. [ Ausgewählte Briefe{p6-w47} ] Aus den Gründen, die ich Ihnen gestern darlegte, muss ich aber doch leider um Nachsicht bitten. Ich bin tatsächlich nicht in der Lage, augenblicklich die Durchsicht der Papiere in Weimar{o51} vorzunehmen; hoffe aber bestimmt, dieses noch im Laufe des Spätherbstes tun zu können.

In aufrichtigster Freundschaft

und Verehrung verbleibe ich noch einmal

Ihr ganz gehorsamster

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K115 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.130-HGK.80-1920.06
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Berlin, 07.09.1920

d. 7. September 1920.

Hochgeehrte gnädige Frau und Freundin,

Mit grosser Freude werde ich mich am 14. September zu Ihrer Verfügung halten. Wenn es Ihnen recht ist, hole ich Sie im Excelsior um 1 1/4 am 14. September ab zum Frühstück. Ich freue mich ganz ausserordentlich, Sie wiederzusehen.

In alter treuer Freundschaft und Verehrung

Ihr ganz gehorsamster

Kessler.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K116 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other:

G.131-HGK.81-1920.07
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Berlin, 19.11.1920

d.19.November 1920.

Hochgeehrte gnädige Frau,

Mein Versprechen habe ich insofern bereits gehalten, als ich in Weimar{o51} die Briefe{p6-w47} Dehmels{p6} aus meinen Convoluten zusammengesucht und zusammengestellt habe. Meine Sekretärin, Fräulein Föge{p98}, wird sie in der nächsten Woche ordnen, registrieren, die wichtigsten abschreiben und Ihnen das Ganze (Originale und Abschriften) als Wertpaket zugehen lassen. Leider habe ich noch nicht meine sämtlichen Briefconvolute durchsehen können, sodass eine Anzahl von Jahrgängen (1903-1909) offenbar fehlen, denn aus diesen Jahren ist überhaupt kein [2] Brief vorhanden; ich nehme aber sicher an, dass ich Briefe von Dehmel{p6} in dieser Zeit empfangen habe. Immerhin sind eine ganze Anzahl prinzipiell wichtiger Briefe unter denen, die ich Ihnen schicke.

Unter diesen Briefen befindet sich ein für mich sehr wertvoller [ G.002 ] über mein Mexiko-Buch{p1-w1}. Da dieses in der allernächsten Zeit in einer neuen Auflage in der Insel erscheinen soll, so wäre es natürlich für mich von grosser Wichtigkeit, wenn ich von diesem Briefe Gebrauch machen, d. h. also ihn in irgend einer Form der Insel zur Publikation zur Verfügung stellen dürfte.

[3] Wenn Sie damit einverstanden sind, würde ich eine Abschrift des Briefes an Kippenberg{p99} schicken und es ihm überlassen, in welcher Form er ihn zur Neulancierung des Mexiko-Buches{p1-w1} verwenden könnte. Man könnte ja auf Ihre Briefausgabe hinweisen und diesen Mexikobrief als im voraus daraus entnommen bezeichnen. Wäre Ihnen dieses recht?

Mit den besten Grüssen verbleibe ich in aufrichtiger alter und treuer Freundschaft

Ihr untertänigster

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K730/21 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 2 | paper: | other:

G.132-HGK.82-1920.08
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Zilfit, 27.11.1920

Zilfit{o89}. d. 27.XI. 20.
Ostpreussen.

Sehr geehrte gnädige Frau u Freundin

Vielen Dank für Ihren freundlichen Brief u. die gütige Erlaubnis, von Meinem Brief [G.002] Gebrauch zu machen. Ich hoffe, daß Sie in den nächsten Tagen die ganzen bisher von mir gefundenen Briefe{p6-w47} durch meine Sekretärin [ Föge{p98} ] aus Berlin{o2} bekommen werden. Ich bin auf einer Vortragstournee in Ostpreussen u kehre erst nächste Woche nach Berlin{o2} zurück. Drei kleine Brochüren, unter Andrem die [2] "Kinderhölle{p1-w64}", lege ich bei. Hier habe ich für meine Idee auch und namentlich in den Kreisen der organisierten Arbeiterschaft, großes Interesse u. starke Zustimmung gefunden. Aus den "Richtlinien{p1-w65}" werden Sie, wenn Sie hineinschauen wollen, sehen, worauf diese Ideen hinausgehen.

Mit den besten Grüßen u. in vorzüglicher Hochachtung u treuer Freundschaft

Ihr gehorsamster

Kessler

Aus den Unterschriften der Vereinigungen unter der "Resolution" in den Richtlinien werden Sie ersehen, daß  alle deutschen pazifistischen Vereinigungen meine Idee in ihren wesentlichen Punkten angenommen haben; auch die Frauenliga.

[

Die dritte Brochüre war: "Der Völkerbund als Wirtschaft- und Arbeitsgemeinschaft{p1-w67}", mit handschriftlicher Widmung Kesslers: "Frau Isi Dehmel in treuer Freundschaft und Verehrung G.K. Zilfit{o89} d. 27. XI 20".

]

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K117 | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 2 | paper: | other:

G.133-HGK.83-1921.01
Harry Graf Kessler an Richard Dehmel - Berlin, 17.01.1921

d.17. Januar 1921.

Hochgeehrte gnädige Frau und Freundin,

Bereits vor mehreren Wochen schickte ich als Wertpaket eine grössere Anzahl von Briefen{p6-w47} Dehmels{p6} an Sie ab. Da ich seitdem nichts von Ihnen gehört habe, so fürchte ich, dass das Paket vielleicht nicht bei Ihnen angelangt ist; die Sache beunruhigt mich sehr, da der Verlust ja ganz unersetzbar wäre. Würden Sie die grosse Güte haben mir mitzuteilen, ob Sie das Paket erhalten haben; sonst werde ich hier sofort Nachforschungen nach seinem Verbleib anstellen lassen.

Ich benutze die Gelegenheit, um Ihnen meine allerbesten Wünsche zum Neuen Jahr zu schicken, das für Sie, wie ich weiss, auch weiterhin in allerengster Seelengemeinschaft mit Dehmel{p6} verlaufen wird. Ich habe jetzt in Caux{o73} wieder "Weib und Welt{p6-w48}" und andere Gedichte von Dehmel{p6} gelesen bezw. vorlesen hören, mit einer durch die Jahre vertieften Bewunderung. Merkwürdig und bedeutsam war mir auch, dass bei einem Diner, das ich am letzten Tage in der Schweiz bei Italienern hatte, eine sehr schöne italienische Marchesa plötzlich ganz unvermittelt "Die Rosen leuchten immer noch{p6-w66}" zitierte und zum grossen Teil vortrug. Die Ausbreitung und Steigerung der Wirksamkeit, ja des Lebens eines grossen [2] Dichters nach seinem Tode ist einer von den geheimnisvollsten Vorgängen.

Mit den besten Grüssen verbleibe ich, hochgeehrte gnädige Frau, in alter Freundschaft

Ihr ganz gehorsamster

Kessler.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K118 | kind: Telegramm | sheets: 3 | pages: 3 | paper: | other: Das Telegramm wurd ein Berlin Friedenau abgeschickt.

G.134-HGK.84-1921.02
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Berlin, 28.03.1921

wegen abwesenheit habe leider ihren so überaus gütigen brief der mit dehmel{p6}briefen [ Ausgewählte Briefe{p6-w47} ] zusammenlag erst heute nach empfang des zweiten briefes gefunden bedaure das überaus und bitte um verzeihung ihr brief und ihre einladung rühren mich tief leider bin ich gezwungen wegen familienangelegenheiten anfang [2] mai meine schwester [ Wilma de Brion{p36} ] in italien zu treffen sache ist aus bestimmten gründen unaufschiebbar könnte infolgedessen erst juni ihrer gütigen einladung folge leisten wenn es möglich wäre sie bis dahin zu verschieben was mich allerdings überaus freuen würde nochmals für ihre so überaus gütigen worte meinen [3] allerwärmsten dank

kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Abschrift: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K118a | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other:

G.135-ID.04-1921.03
Ida Dehmel an Harry Graf Kessler - [Blankenese], 31.03.1921

den 31. März 1921.

Verehrter, lieber Herr Graf!

Ich bin sehr froh, dass Ihr Telegramm Ihr langes Schweigen so harmlos aufgeklärt hat. Ich bin gerne bereit, die Feierstunde im Dehmel{p6}haus auf den Juni zu verschieben, wenn ich mich fest darauf verlassen kann, dass Sie mir spätestens 4 Wochen vor diesem Termin das Datum fixieren können und dass ich dann mit absoluter Sicherheit auf Sie rechnen darf. Ich wiederhole, dass ich mir keine grössere Freude wüsste, als wenn Sie im Dehmel{p6}haus über ihn sprechen würden. Ich darf Sie doch schon jetzt um vorläufigen Bescheid bitten.

Mit den allerherzlichsten Grüssen

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K119 | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.136-HGK.85-1924.01
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Berlin, 05.11.1924

d. 5. November 1924.

Hochgeehrte gnädige Frau,

Zu meinem allergrössten Bedauern werde ich Sie in Berlin{o2} nicht sehen können. Ich muss nämlich morgen früh nach Westfalen abfahren, wo ich als demokratischer Spitzenkandidat zum Reichstag aufgestellt bin. Der heutige Tag ist für mich von früh an voll besetzt mit geschäftlichen Besprechungen, sodass ich keinen Moment frei habe. Es ist ausserordentlich bedauerlich, da ich mich sehr gefreut hätte, Sie nach so vielen Jahren wieder zu sehen. Leider liegt vis major vor. Ich hoffe, nach den Wahlen nach Hamburg{o50} zu kommen und dann in Blankenese{o49} Sie aufsuchen zu [2] können. Es ist mir ein Herzensbedürfnis, das Dehmel{p6}haus wieder zu sehen.

In aufrichtigster Verehrung und alter Freundschaft verbleibe ich, hochgeehrte gnädige Frau,

Ihr ganz gehorsamster

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Dehmel Archiv, Hamburg, Signatur: K120 | kind: Brief | sheets: 3 | pages: 3 | paper: | other: Kessler hat drei Bögen mit Briefkopf verwendet, nicht wie sonst leere Folgeblätter.

G.137-HGK.86-1924.02
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Berlin, 22.12.1924

d. 22. Dezember 1924.

Hochgeehrte gnädige Frau,

Ihr freundlicher Brief vom 18. d. M. hat mir grosse Freude gemacht. Es ist sehr gütig von Ihnen, dass Sie so verständnisvoll auf meine politische Tätigkeit eingehen und sich so in sie hineinversetzen. Es war allerdings eine recht ermüdende und zum Teil wenig angenehme Zeit. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich bei dieser Entscheidung, die für Deutschland wie Europa so grundlegend sei, nicht einfach bei Seite stehen konnte. Ob sich für später etwas daraus ergeben wird, muss sich noch zeigen; jedenfalls schien die Zuhörerschaft in den meisten Orten die aussenpolitischen Gesichtspunkte in sich aufzunehmen; oft ist mir gesagt worden, dass tatsächlich zum ersten Male solche aussenpolitischen Gesichtspunkte den dortigen Wählern vorgetragen wurden.

Der Schluss Ihres Briefes hat mich etwas schmerzlich berührt, da ich in der Tat dadurch auf ein schweres Versäumnis aufmerksam gemacht wurde. Ich hätte Ihnen längst über die Dehmel{p6}-Briefe{p6-w47} schreiben müssen, und wenn ich es nicht getan habe, so lag das an meiner politischen Tätigkeit, die ich in den letzten Jahren ausgeübt habe. Zweimal war ich, wie Sie wissen, in Amerika, habe dort Staat für Staat, von Ozean zu Ozean bereist, überall Vorträge gehalten, dazwischen bin ich in London{o46} in aufreibender politischer Tätigkeit gewesen, dann wieder in Genf{o79}, und jetzt im Wahlkampf. Ich glaube [2] nicht, dass ich seit Erscheinen des Dehmel{p6}Brief-Bandes{p6-w47} drei ruhige Tage gehabt habe. Ich habe ihn daher auch immer nur gewissermassen fragmentarisch lesen können, Stück für Stück nach wochenlangen Unterbrechungen aneinanderreihen und daher auch eigentlich nie eine Gelegenheit gehabt, wo ich das Gefühl hatte, zusammenhängend über ihn an Sie schreiben zu können. Ich habe aber unzählige Male von Bekannten hier und in Amerika gehört, welchen starken Eindruck der Band gemacht hat. Die Persönlichkeit Dehmels{p6} tritt daraus ja auch mit einer Schärfe und Leuchtkraft hervor wie nur aus seinen besten Gedichten. Es ist ein einziges Dokument und, wie ich überzeugt bin, ein bleibendes Denkmal für Dehmel{p6}. Dass ich mich ganz besonders darüber gefreut habe, dass Sie so viele der Briefe Dehmels{p6} an mich mit ausgewählt haben, und dass es mir eine starke Genugtuung gewesen ist, dass gerade Dehmel{p6} an mich so prachtvolle Briefe gerichtet hat, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Für die Art, wie die Briefe ausgewählt sind, möchte ich Ihnen im übrigen meine grösste Bewunderung aussprechen. Die meisten Briefbände berühmter Männer bilden durch den vielen Kleinkram und die völlig belanglosen Briefe, die mit abgedruckt sind, eine ermüdende und enttäuschende Lektüre; dieser Briefband hat durch Ihre Auswahltätigkeit die Qualität behalten, die in Dehmels{p6} Persönlichkeit vielleicht die wertvollste war: die elektrisierende und lebensprühende Schwungkraft, die in jedem Wort von ihm ausstrahlte.

Schliesslich nun zu Ihrer sehr freundlichen Einladung:
ich fühle mich selbstverständlich sehr geehrt und bin tief erfreut, [3] wenn ich im Dehmel{p6}-Haus einmal sprechen darf. Den ganzen Februar bin ich indessen in England, wo ich Vorträge in Oxford{o80} und anderen Universitäten halte, sodass ich kaum vor dem 5. oder 6. März wieder in Deutschland sein kann. Im März bin ich schon für zehn Vorträge in der Pfalz und im Rheinland, ferner für Nürnberg{o12} und Danzig{o83} verpflichtet. Ich könnte im Dehmel{p6}-Haus vielleicht zwischen Nürnberg{o12} und Danzig{o83} reden, wenn sich das irgendwie machen liesse. Da die genauen Daten meiner Vorträge noch nicht feststehen, so werde ich mein Büro beauftragen, den Versuch zu machen, Hamburg{o50} irgendwie dazwischen zu schieben und mit Ihnen dann in Verbindung zu treten, um festzustellen, ob die noch möglichen Daten Ihnen eventuell passen würden. Es tut mir sehr leid, dass ich Ihnen eine so unbefriedigende Antwort geben muss, denn ich würde viel lieber nur im Dehmel-Haus zu reden haben, wo ich sicher bin, einen wirklichen Widerhall zu finden, als an so vielen mir unbekannten Orten; auch bin ich, wie Sie sich denken können, über die Aussicht wieder einmal zwei Monate lang fast jeden Tag zu reden, ziemlich entsetzt, und dazwischen erscheint mir das Dehmel{p6}-Haus infolge der alten Beziehungen und meiner Verehrung zu Dehmel{p6} wie ein Lichtblick. Aber wie gesagt, ich kann leider nichts anderes machen, als was ich Ihnen hier vorschlage. – Ich fahre morgen Abend zum Besuch meiner Schwester [ Wilma de Brion{p36} ] auf vierzehn Tage nach Paris{o1}, bin aber Anfang Januar wieder hier.

In aufrichtiger Freundschaft und Verehrung verbleibe ich, hochgeehrte gnädige Frau,

Ihr ganz gehorsamster

Kessler

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Durchschlag: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 2 | paper: | other:

G.138-HGK.87-1928.01
Harry Graf Kessler an Ida Dehmel - Hamburg, 06.08.1928

an Frau Isi Dehmel

Hamburg{o50} 6. August 1928.

Hochverehrte gnädige Frau!

Sie haben mir mit Ihrem Brief eine sehr grosse Freude bereitet; es wehte darin die Atmosphäre einer anderen schönen Zeit. Ich hoffe, dass Sie inzwischen in dem Buche [ Walther Rathenau{p1-w51} ] , trotz Ihrer schlechten Augen, haben blättern können und dass Ihnen vor allem die Stellen über Dehmel{p6} nicht entgangen sind. Es herrschte in der Tat, wie mir scheint, eine auffällige Wahlverwandtschaft in ihren Weltanschauungen zwischen Rathenau{p101} und Dehmel{p6}, viel mehr als zwischen Rathenau{p101} und irgend einem anderen Dichter der Zeit. In hohem Masse interessant war mir auch Ihre Erinnerungen an Rathenau{p101} als jungen Menschen; Sie müssen mir erlauben, ehe ich die Umarbeitung und Erweiterung des Buches für eine zweite Auflage fertigstelle, einmal mit Ihnen darüber zu sprechen oder zu korrespondieren. Ich würde gerne deshalb im Herbst oder Winter einmal zu Ihnen nach Blankenese{o49} hinüberfahren. Auf Rathenaus{p101} Bemerkung Ihnen gegenüber vor dem Besuch bei mir lege ich kein sehr grosses Gewicht; ich weiss, wie schroff er sich manchmal in einer deprimierten oder verärgerten Stimmung über seine besten Freunde äussern konnte. Dazu kam in unserem Verhältnis eine sehr starke Divergenz in künstlerischen Fragen, die sogar einmal zu einem überaus peinlichen und grotesken Auftritt an Rathenaus{p101} eigenem Tisch führte, weil er wütend wurde, dass ich ihm gegenüber van Gogh{p102} verteidigte. [2] aber das waren vulkanische Ausbrüche der böseren leidenschaftlichen und rabolistischen Natur, die er in sich selber mit Schrecken sah und mit äusserster Energie und meistens erfolgreich bekämpfte. An einen solchen Ausbruch, den er leider schriftlich niederlegte und dann dem Opfer auf Eis serviert wurde, ist ja seine Freundschaft mit Harden{p103} zugrundegegangen.

Ich hoffe, dass es Ihren Augen aufgrund von Wisers{p110} Behandlung dauernd besser geht und dass Sie auch sonst gesundheitlich so wohl sind, wie ich Sie in Liebenberg{o84} zu meiner Freude gesehen habe. Mit den allerbesten Grüssen und in alter treuer Freundschaft mit Verehrung verbleibe ich

Ihr ganz gehorsamster

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 2 | pages: 3 | paper: | other: Typoskript mit handschriftlicher Ergänzung und Korrekturen. Das zweite Blatt ist mit "2." markiert.

G.139-ID.05-1928.02
Ida Dehmel an Harry Graf Kessler - Blankenese, 10.08.1928

den 10. August 1928

Lieber Herr Graf!

Nur sehr zögernd schreibe ich Ihnen diesen Brief, denn wenn ich annehmen müsste, dass ich mir damit Ihren Besuch verscherze, so liesse ich ihn natürlich ungeschrieben. Andererseits lockt mich der Wunsch, diese an sich gewiss nebensächliche, für Rathenaus{p101} Gedächtnis aber doch charakteristische kleine Episode einmal niederzuschreiben. Ich tue es also in der Hoffnung, dass ich mir damit Ihren Besuch erst recht verdiene!

Im Winter 1890, als Zwanzigjährige, hatte ich einen Tischnachbar auf den die Tante, bei der ich zu Besuch war, mich schon vorher aufmerksam machte; ich war nämlich verschrien wegen der geistigen Ansprüche, die ich damals an die Menschen stellte. Vom Standpunkt meiner Berliner{o2} Verwandten, war das zu verstehen, denn ich kam ja aus der Kleinstadt. Kurz: meine Tante sagte morgens zu mir: heute abend wirst Du einen Tischherrn haben, der selbst Deinen Anspüchen genügen dürfte!

Rathenau{p101} und ich waren an jenem Abend die einzigen Jüngeren unter lauter Aelteren, das brachte uns schnell zusammen. Ich weiss noch, dass aus seinem Mund das Wort "mein Vater{p105}" mit einem Ausdruck fiel, der mich ausserordentlich frappierte, weil ich selbst von meinem Vater{p106} nicht hätte anders sprechen können. Es ergab sich in blitzschnellem Verständnis eine Schicksalsgemeinschaft in den äusserst schmerzlichen Beziehungen zum Vater: Verachtung des Vaters zum Kind, und trotzdem Bewunderung des Kindes für den Vater. – Von allen Gesprächen mit Rathenau{p101} ist mir von diesem Abend nur dieses im Gedächtnis geblieben, ich erinnere mich aber noch mancher [2] Einzelheiten daraus. Der alte R.{p105} muß maaßlos auf dem Sohn{p101} gelastet habe.

Genau 20 Jahre später (ich habe heute aus den Briefen die Daten festgestellt) trafen wir Walter Rathenau{p101} in einem Kreis von etwa 12 Personen bei Peter Behrens{p39}. Ich hatte in der Zwischenzeit zuweilen überlegt, ob der inzwischen bekannt gewordene Walter Rathenau{p101} mit meinem Tischherrn von damals, dessen Vornamen ich nie gehört hatte, identisch sei. Als er mir nun bei Tisch gegenüber sass, war ich überzeugt, dass es sich um einen anderen handelte, denn damals hatte er einen dunklen Lockenkopf, sah blühend gebräunt aus, und sein Typ erinnerte etwas an einen Nubier; mein vis à vis von 1910 mit der grossen Glatze und dem völlig farblosen Gesicht hatte etwas kalmückisches.

Nach längerer Zeit, wir hatten noch kein Wort miteinander gewechselt, rief er mir über den Tisch zu, mit einem geglückten Versuch meinen Dialekt nachzumachen: "Mir sin aus Frankfurt{o85}" "nein." "dann aus Mainz{o86}" "nein." "dann aus Bingen{o66}" – und als ich bestätigend Ja nickte, sagte er: "Mit einer Bingerin{o66} habe ich einmal einen herrlichen Abend verlebt." "Das müssen Sie mir erzählen," bat ich ihn, "denn ich kenne doch jede Bingerin{o66}". "Das will ich gern, aber zuerst müssen Sie mir sagen, ob Sie weder verwandt noch befreundet mit einem Fräulein Ida Coblenz sind". Frau Lilli Behrens{p107} sprang mit einem puterroten Kopf auf und rief: "Aber sie ist es doch selbst!" Dehmel{p6}, ganz verlegen, sagte: "Mit meiner Frau haben Sie einen herrlichen Abend verlebt? Wann denn? Und was denn?" "Sie haben mich natürlich sofort wiedererkannt", sagte ich, "und haben die Geburtsstadt-Raterei nur in Szene gesetzt, um mich und uns alle zu verblüffen". Das gab er denn auch lachend zu, aber er erzählte uns dann noch etwas von jenem Abend, was ich bis dahin vergessen hatte, nun stand es wieder [3] deutlich vor mir.

Er erzählte: Als die Gesellschaft an jenem Abend eben auseinander gehen wollte, las unsere Wirtin mit bewundernder Stimme einen Geistesblitz vor, den Carl Emil Franzos{p108} soeben in ihrem Gästebuch niedergelegt hatte:
Gut sein ist viel, weise sein ist mehr,
aber gerecht sein ist das Höchste!
"Da wandte sich", sagte Rathenau{p101}, "Fräulein Coblenz mir zu und sagte mit einem unvergesslichen Ausdruck leise: "Wie furchtbar, wenn Einer, der nicht mehr ist als gerecht, der Höchtse sein soll".

Dies ist es, was ich Ihnen erzählen wollte. Und nun gehe ich daran, Ihr Buch [ Walther Rathenau{p1-w51} ] zu lesen.

Mit allen guten Grüssen

die Ihre

Ida Dehmel.

Von Hardens{p103} Wut, wenn er sich in seiner Eitelkeit verletzt fühlte, kann ich Ihnen einen Beleg geben. Er schrieb mir mal einen unglaublichen Brief.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 1 | paper: | other: Gedruckt? Frau Küsters fragen!

G.140-ID.06-1930.01
Ida Dehmel an Harry Graf Kessler - , 15.01.1930

Allen denen, die durch liebevolles Gedenken meinen 60. Geburtstag zum Fest verschönt haben, danke ich freudigen Herzens.

Blankenese{o49} 15. Jan. 1930.

Ida Dehmel.

resp: Roland S. Kamzelak | transcription: Roland S. Kamzelak | orig: Original: Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A: Kessler | kind: Brief | sheets: 1 | pages: 2 | paper: | other:

G.141-ID.07-1935.01
Ida Dehmel an Harry Graf Kessler - Blankenese, 15.06.1935

15. Juni 1935.

Lieber Herr Graf!

Vor drei Wochen war ich bei Dr. von Tippelskirch{p109}, dem Assistenzarzt des Grafen Wiser{p110} zum Tee, und ich erzählte entzückt von den Veröffentlichungen, die ich in der "Rundschau" von Ihnen gelesen hatte. Wir kamen auf Ihren Stammbaum zu sprechen und Dr. von Tippelskirch{p109} griff nach dem Gotha; ganz verblüfft sagte er: "Denken Sie, heute ist der Geburtstag des Grafen". Das empfand ich wie eine persönliche Verbindung; ich weiß nicht, ob Sie es mir ganz nachfühlen können, aber es war, als hätten Sie mir die Hand gereicht (oder ich Ihnen). Seitdem ist die Verbindung nicht wieder abgerissen. Fischer{p141} schickte mir Ihr Buch [ Gesicher und Zeiten{p1-w52} ] und während ich noch ganz und gar darin gefangen war, las ich in der Rundschau Ihre Erinnerung an Pilsudski{p1-w55}.

Was Ihr Buch [ Gesichter und Zeiten{p1-w52} ] mir bedeutet, das mögen Sie daraus ersehen, daß ich mir sofort noch zwei Exemplare kommen ließ und eines an den Grafen Wiser{p110}, das andere meinem Freund Tippelskirch{p109} schenkte. Wiser{p110} und seine Frau (Gräfin Kanitz{p111}) haben beide mit dem gleichen, ich möchte sagen: heissen Interesse die Erinnerungen gelesen und Tippelskirch{p109}, der am Tage fast übermässig arbeitet, hat es in den Nächten durchstudiert.

Ich denke mir, daß Sie jetzt eine wunderbare Zeit haben: Von überall her werden die Menschen Ihnen schreiben, wie Sie sie erfreut haben; ganz bescheiden bitte ich darum, daß meine Stimme diesem Chor der Dankbaren ein wenig voller machen möge.

Wie bezaubernd ist schon das Bildmaterial. Geradezu fasziniert bin ich vom Antlitz Ihrer Mutter{p89}. Manchmal denkt man ("man – das heisst immer ich" hat einmal der alte Fontane{p127} zu Dehmel{p6} gesagt) man habe das Glück gehabt, den kennenswerten Menschen der eigenen Zeit persönlich zu begegnen – da sieht man solch ein Bild und fühlt, daß man das Köstlichste versäumt hat. Auch Ihr Bild aus der Bonner Zeit läßt mich nicht wieder los. Darf ich etwas ganz Unbescheidenes fragen: Besitzen Sie ein Bild von sich aus den letzten Jahren? Wenn es auch nur ganz klein ist, und Sie würden mir es schicken? Ich will im voraus die Unbescheidenheit dieser Bitte abdämpfen, indem ich Ihnen ein kleines Bild beilege, das ich selbst erst jetzt, wie ein Geschenk der Götter, erhalten habe. Im Nachlaß meiner kürzlich verstorbenen Schwester [ Bensheimer, Alice{p115} ] fand ich einen Umschlag mit der Aufschrift: Filme, die noch einmal sorgfältig copiert werden müssen. Dabei war das Negativ dieses Bildes, das rätselhafter Weise nie copiert worden war. Es muß etwa 1905 in einer Laube meines väterlichen Gartens aufgenommen sein. Ich sitze immer wieder davor und bestaune das Wunder, das mir alten Frau nun plötzlich das Zeugnis einer glücklichen Frühzeit schenkt.

Ihr Buch [ Gesichter und Zeiten{p1-52} ] hat zwei Erinnerungen an Sie in mir lebendig gemacht. Wissen Sie noch, wie wir uns im Jahr 1900 in Nürnberg{o12} begegneten. [1899, vgl. G.035] Sie waren mit ihrer Schwester [ Wilma de Brion{p36} ] (von Bayreuth{o11} kommend) und wir sahen uns im gleichen Moment. Dehmel{p6} sprang auf, und um die Situation sofort zu klären, ging er Ihnen entgegen: "Seit gestern sind Frau Isi und ich auf einer Hochzeitsreise, die hoffentlich ein ganzes Leben lang währen wird."

[2] Sie kamen mit Dehmel{p6} an unseren Tisch und von diesem Augenblick an waren Sie mir freundlich gesinnt – während Sie mir vorher in Berlin{o2} mit einem höflichen Mißtrauen begegnet waren. (Dehmel{p6} wollte das nicht wahr haben und zwang mich immer wieder, Ihnen zu begegnen, trotzdem mein Stolz das ablehnen wollte.) Aber, wie gesagt, von Nürnberg{o12} an war das anders.

Und dann, vielleicht 10 Jahre später, sagte ich einmal zu Ihnen: "Sie haben eine Lebenspflicht; Sie müssen Ihre Memoiren schreiben". Entsinnen Sie sich? Ich kam darauf, weil ich ganz stark die Empfindung hatte, daß Sie zu den Künstlern, die Sie besuchten, immer den Feiertag mitbrachten; oder daß man ihn bei Ihnen fand, wenn man Sie besuchte. Es war doch Dehmel{p6} absolut selbstverständlich, daß er Ihnen sein letztes Werk vorlas, wenn er mit Ihnen zusammen war; und genau so erging's den anderen. Was für eine herrliche Zeit steigt vor mir auf, wenn ich an Ihr Weimarer{o51} Haus denke: Heymel{p113}, seine schöne junge Frau{p114} mit dem Strauß weisser Lilien an der Brust, Hofmannsthal – ach und wie viele andere.

Lieber Herr Graf, das ist ein langer Gruß geworden! Möchten Sie meine Freude über Ihr Buch [ Gesicher und Zeiten{p1-w52} ] und über Ihr Dasein und meine Dankbarkeit für beides daraus lesen. Vielleicht verstehen Sie mich am besten, wenn ich Ihnen noch etwas erzähle: Der Tod meiner Schwester [ Bensheimer, Alice{p115} ] , der besonders grausam war, hat mich unendlich bekümmert, weil sie nach dem Sterben meines Mannes{p6} und meines Sohnes [ Heinz Lux Auerbach{p116} ] der einzige Mensch war, der mir in einem tieferen Sinn blutsverwandt war. Ich sprach mit Tippelskirch{p109} von der Ueberflüssigkeit meines Lebens und er versuchte mich glauben zu machen, daß die Wirksamkeit eines "strömenden" Menschen viel weiter reiche als er selbst ahne und wisse. Wir sassen in meinem Zimmer, die Sonne hatte sich versteckt, aber plötzlich leuchtete in der dunklen Kastanienbaumgruppe vor meinem Fenster ein kleiner Blattkreis auf, in dem sich die Sonne gefangen hatte. Dieser Anblick überzeugte mich. Ich sagte "Ja, Sie mögen recht haben. Denn was weiss Graf Kessler davon, daß er, weit weit weg, in mein dunkles Leben einen Abglanz der Sonne gebracht hat. So mag es denn auch möglich sein, daß ich Arme, ohne es zu wissen, irgend einen Menschen etwas bedeute".

Seien Sie von Herzen gegrüsst

Ida Dehmel