Roland S. Kamzelak
E-Editionen. Zur neuen Praxis der Editionsphilologie.
Ida und Richard Dehmel - Harry Graf Kessler. Briefwechsel 1898-1935

Abstract

Die Technik ist auf einem Stand angekommen, der die Editionsarbeit wieder in den Vordergrund rückt. Die Zeit der Experimente und der Insellösungen ist vorbei, denn es gibt mit XML eine Lösung, die flächendeckend sinnvoll und ohne vertiefte Programmierkenntnisse eingesetzt werden kann. Mit der vorliegenden Arbeit beschreibe ich diesen Stand: Nach einer Darstellung der Bedingungen und Chancen einer neuen wissenschaftlichen Praxis, die theoretisch zum state of the art der Textauszeichnung hinführt, wird die Praxis am Beispiel des Briefwechsels zwischen Ida und Richard Dehmel mit Harry Graf Kessler vorgeführt. Es ist eine Edition, die sich auf die dienende Rolle der Wissenschaft besinnt. Dienend meint dabei, dass Editoren die Aufgabe haben, Texte zur Verfügung zu stellen, um weitere Forschung anzuregen und zu ermöglichen, nicht diese Forschung bereits selbst zu leisten. Editoren stehen am Anfang eines Wissenschaftsknotens, nicht am Ende. Dabei ist diese dienende Rolle - wie oft angenommen wird - durchaus nicht unterwürfig, sondern erhaben: Die philologische, zuweilen entbehrungsreiche Akribie, die bei der Transkription notwendig ist, wird belohnt durch die Erstlektüre aus den Originalen und dadurch, dass sich kommende Experten auf diese Erstlektüre und deren Repräsentation verlassen werden. Nicht zur dienenden Rolle gehört die Aufgabe der Präsentation in gedruckter oder elektronischer Form. Die Probleme zu Navigation und Retrieval sind Probleme der Präsentation, nicht so sehr der Editionswissenschaft. Die Wissenschaft sollte sich wieder auf seine Aufgaben besinnen und Verlagen den Satz und die Verbreitung für ein größeres Lesepublikum überlassen, sowohl in gedruckter oder aber mit geeigneten Suchwerkzeugen und Navigationshilfen in elektronischer Form. Vielmehr liegt die Priorität der Aufgabe darin, Texte elektronisch strukturiert aufzuarbeiten, so dass sie einerseits bewahrt und andererseits weiterbearbeitet werden können. Durch die strukturierte Datenaufbereitung mit XML oder SGML kann es auch gewährleistet werden, dass die editorisch erarbeitete Datenbasis von den Sekundärprozessen nicht verändert werden, wie dies bislang durchaus der Fall war. Der Anschaulichkeit halber ist ein Beispiel gewählt worden, das editorisch keine besonderen Schwierigkeiten bietet, denn die Kodierung soll gerade von den Editoren leicht nachvollzogen werden können, die sich mit der Materie bisher noch nicht vertieft beschäftigt haben und sich mit Hilfe dieser Edition am praktischen Beispiel einarbeiten wollen.

Der Briefwechsel wird hybrid vorgestellt. Ein gedruckter Teil bietet den Briefwechsel als schlichte Leseausgabe zur schnellen Information über den Inhalt der Briefe und als zitierbare Quelle. Zu Personen mit Werken und zu erwähnten Orten gibt es ein gedrucktes Register mit ersten Sachinformationen. Im elektronischen Teil gibt es die Möglichkeit, zwischen Register und Briefwechsel zu springen, sowie Arbeitsfaksimiles der Briefe anzusehen.

Wichtig für den Zusammenhang dieser Arbeit bleibt, dass diese Präsentation aus einer einzigen, strukturiert ausgezeichneten Datenbasis entstanden ist und daraus zahllose andere - eben auch professionelle - Darstellungsweisen gefunden werden können. Wichtig ist vor allem auch, dass die Darstellung nicht das Hauptanliegen dieser Arbeit ist. Größeres Augenmerk sollte auf den XML-Text mit seinen Kodierungen und der Möglichkeit der (wissenschaftlichen) Weiterverarbeitung gelegt werden.

Technics have reached a stage which moves the editorial work into the foreground. The time for island solutions is over since there is a solution in XML, which can be used widely without a profound knowledge in programming. With this book I describe this stage: After a description of the conditions and chances of new academic work, leading to the state of the art in text encoding, I will show an example: the correspondence between Ida and Richard Dehmel and Harry Count Kessler. It is an edition which grounds on the service role of academic work. Editors are to make texts accessible and so make further research possible. They do not have to do the research themselves. Editors are at the beginning of an academic node. But: this service role is not at all subservient, it is sublime. Philological correctness, work often full of privation, is rewarded by the first reading in the originals. It is rewarded by others having to trust ones reading. But the presentation is not part of the service role of the editor. Not in printed, nor in electronic form. Problems of navigation are problems of presentation, not of editing. Academics should concentrate on their own task and let publishing houses tend to typoscript and circulation amongst readers, or to develop search engines for electronic representations. Editors have to prepare texts in a structured way to keep electronic texts young for preservation and for further use. To show this, the example is simple, without too many editorial difficulties. The text encoding should be easy enough for beginners to understand and should help learn the processes necessary.

The correspondence is introduced in hybrid form. A printed version functions as reading material and as a medium for citation. Indexes of names and works with first factual information is given, too. In the electronic version you can jump from the index directly to the text and view some work facsimiles of the letters.

Very important for this work is that this given presentation was gained from a single, structured database. And you could produce many other - also professional - representations for the text. A look at the XML base will show how easily one can structure information and solve the problem of longterm preservation and accessibility for further work on the text.


Version 1 vom 16.6.2004 - aktualisiert: 16.6.2004 ** Roland.Kamzelak@eliber.de